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Meine Wenigkeit... weil jede*r Einzelne viel bewegen kann!

Sie verzichten auf Plastik, verarbeiten die Wolle ihrer eigenen Schafe, helfen anderen beim Reparieren kaputter Gegenstände oder leiten einen Waldkindergarten: Es gibt viele außergewöhnliche, beispielgebende, anders lebende Menschen in Südtirol, die ein Umdenken und nachhaltige Veränderungen bewirken können. Ihnen ist eine Artikelserie der oew in Kooperation mit der Südtiroler Tageszeitung gewidmet, die mit Februar 2017 gestartet ist. In jeder Wochenendausgabe stellen wir Menschen vor, die etwas Neues gewagt haben, etwas Besonderes machen und auf ihre Art einen wertvollen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten. Nachdem die besonderen Porträts von Maria Lobis in der Rubrik „Sonntagsbesuch“ der Tageszeitung erschienen sind, können sie hier nachgelesen werden.

 

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Vom Aussteiger zum Bio-Winzer

Vor neun Jahren war er noch im Kredit-Leasing tätig. Stets funktionieren, liefern, leisten müssen: 2008 hörte Othmar Sanin damit auf. Der Margreider ist inzwischen 57 Jahre alt, trägt keine Uhr mehr und vertraut seiner Intuition. Die weltweite Finanzkrise und Fragen nach dem Sinn des Lebens liegen dazwischen.

Schon seit dem Jahr 2000 betreibt Othmar Sanin das gleichnamige Bio-Weingut in Margreid. Nach dem Ausstieg aus dem Finanzgeschäft kaufte er mit einem Darlehen einen Steilhang in Kurtatsch, rodete den dortigen Rebbestand und rang dem Weinberg nach vier Jahren Hacken und Pflegen 2012 die ersten Trauben ab. Seit 17 Jahren arbeitet der Biowinzer ohne Pflanzenschutz, ohne Traktor und mit den pilzwiderstandsfähigen Rebsorten „Chambourcin“ und „Prior“. Der Kirschessig-Fliege rückt er in der Reifephase mit täglichem Auszupfen zu Leibe. Die Maische kellert er in der Biokellerei eines befreundeten Enologen ein. Von anderen Bauern anfangs belächelt, staunen sie heute darüber, wie der geschiedene Vater von zwei Töchtern mit einem halben Hektar auskommt. Ein Südtiroler Weinbauer braucht im Durchschnitt das Sechs- bis Zehnfache davon.

Seiner Stimme ist die Leidenschaft anzumerken, wenn er von der Kunst spricht, aus seiner Manufaktur neben dem fruchtigen Roséwein “Krejos“ und dem dunklen Rotwein “Miros“ auch den vollmundigen Traubensaft „Mados“ und andere Spezialitäten heraus zu kitzeln: Mit seiner Lebensgefährtin Maria und oft in Nachtarbeit kreieren die beiden Pesto von Weinblättern, in Olivenöl eingelegte Gescheine (junge Traubenblütenknospen) und zarte Rebtrieb-Spitzen. Die Augen hinter der randlosen Brille funkeln, wenn Othmar Sanin von seinen zweimal wöchentlich stattfindenden Kräuterführungen mit Genussparcours und Weinverkostung spricht. Dann kredenzt er Raritäten aus mehr als 30 essbaren Wildkräutern aus seinem Weinberg: aus wildem Feldlauch, Löwenzahn, Schafgarbe, weißer Melde, Brennnessel, Wegerich, Klette, Klee, Nelkenwurz, Girsch, Königs- und Nachtkerze, Beifuß und Vogelmiere. Das Wissen über Wirkung und Anwendungsmöglichkeiten hat er sich bei Seminaren, Lehrgängen und aus alten Büchern geholt.

Nach zweijähriger Zusammenarbeit mit der Universität Bozen und dem IDM Südtirol (Innovation Development Marketing) ist seit vergangenem Herbst auch sein OPC (Oligomere Proantho-Cyanidine) auf dem Markt. Es handelt sich dabei um gemahlene Traubenkerne und Schalen. OPC ist ein Antioxidant, das aus sekundären Pflanzeninhaltsstoffen besteht und die menschlichen Zellen vor freien Radikalen schützt. Es wirke wie ein Anti-Aging-Mittel, sagt Othmar Sanin. Das erste Südtiroler OPC wird in Bioläden, Reformhäusern und bei Pur-Südtirol angeboten.

Eine komplizierte Knieverletzung läutete vor Jahren das Ende des Fußballspielens ein. Familie, Beruf, der Fußball und das Musikantendasein waren bis dahin der Inhalt seines Lebens gewesen. Inzwischen hat sich Othmar Sanin aus dem Dorf zurückgezogen. Seinem beruflichen Ausstieg folgte der Weggang als Flügelhornist bei der Musikkapelle. Seit mehreren Jahren trifft er sich regelmäßig in einer Männergruppe zum Austausch. Einmal im Monat singt er in einem Brixner Musikfreundeskreis. Seiner Tanzfreude frönt er in einem nahegelegenen Tanzlokal.

Als Bank-Versicherungskaufmann und im Leasing- und Kreditgeschäft hat er teilweise gutes Geld verdient und immer Buch über seine Ausgaben geführt. Das Materielle ist inzwischen in den Hintergrund gerückt: Herein kommt, was er mit Kreativität und seinen Händen erarbeitet: „Mein größtes Einkommen ist das Geld, das ich nicht ausgebe und verkonsumiere“, sagt der Naturfreund. Weniger ist mehr: Das lebt er.

 

Maria Lobis

 

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