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Meine Wenigkeit... weil jede*r Einzelne viel bewegen kann!

Sie verzichten auf Plastik, verarbeiten die Wolle ihrer eigenen Schafe, helfen anderen beim Reparieren kaputter Gegenstände oder leiten einen Waldkindergarten: Es gibt viele außergewöhnliche, beispielgebende, anders lebende Menschen in Südtirol, die ein Umdenken und nachhaltige Veränderungen bewirken können. Ihnen ist eine Artikelserie der oew in Kooperation mit der Südtiroler Tageszeitung gewidmet, die mit Februar 2017 gestartet ist. In jeder Wochenendausgabe stellen wir Menschen vor, die etwas Neues gewagt haben, etwas Besonderes machen und auf ihre Art einen wertvollen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten. Nachdem die besonderen Porträts von Maria Lobis in der Rubrik „Sonntagsbesuch“ der Tageszeitung erschienen sind, können sie hier nachgelesen werden.

 

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Tischlern mit Kunst und langem Leben

Hätte er als 40-Jähriger den Arbeitsunfall nicht gehabt, wäre seine Kunst nicht. Dann wäre Hansjörg Oberprantacher jetzt auch kaum im Repair-Café in Meran anzutreffen. Er ist der Tischler-Fachmann in der kostenlosen Reparatur-Werkstatt im Ost-West-Club und verlängert das wackelige Leben von Stühlen, Schemeln oder Leiterwägen.

Der Tischlermeister aus dem Passeiertal hatte Glück im Jahr 2003, als er sich mit der Kreissäge den Daumen abtrennte und den Zeigefinger auch teilweise: Im Meraner Krankenhaus behandelten ihn kompetente Ärzte. Nur Narben zeugen noch vom Unfall. Nach acht Monaten Krankenstand, nach Gesprächen mit dem Wirtschaftsberater und der Bank entschied er sich damals gegen die Fortführung seines Betriebes mit mehreren Mitarbeitern in St. Martin in Passeier. Auch die Eigentumswohnung verkaufte er, zog nach Meran und widmete sich der Kunst und der kreativen Tischlerarbeit. Im Nachhinein sei das einfach erzählt, sagt er, runzelt die Stirn und schließt kurz die Augen. Aber es sei richtig gewesen, genauso wie die Entscheidung, nach der Mittelschule keine Kunstschule zu besuchen, sondern die Tischlerlehre zu beginnen. Intuition ist ihm wichtig: „Wenn du deinem Herzensweg folgst, brauchst du keine Schule.“

Bereits als Kind hielt er sich mit dem Vater in dessen Werkstatt auf. Dass er irgendwann mit Holz arbeiten würde, war klar. Heute liest er viel, kauft Lebensmittel im Bioladen und bewegt sich oft im Freien. Es zieht den 53-Jährigen zu Wurzelstöcken, morschen Bäumen und alten Holzbalken. Von den Bäumen lässt er sich Geschichten erzählen: „Die haben so viel erlebt.“ Er verbindet Alt mit Neu, ergänzt seine Kunstwerke mit Glas, Metall und anderen Naturmaterialien, fertigt Einzelstücke wie Gesamteinrichtungen für Privathaushalte, richtet Hotel-Rezeptionen, Zimmer und Suiten ein und lässt seine Gegenstände in Absprache mit den Kunden wachsen: ein Künstler, der sein Handwerk versteht und ein Tischler mit Kunst im Sinn. „In den Menschen etwas bewegen“ möchte er und freut sich, wenn sie nach einem Besuch seiner Ausstellung oder in seiner Galerie mit offeneren Augen durch den Wald gehen. Auf der Suche nach Spiritualität widmet er sich dem keltischen Baumhoroskop. Nicht jeder kann mit seiner Philosophie, aber „meine Kunden finden mich und ich sie“. So wie ihn Florian Mayr vom Repair-Café in Meran vor eineinhalb Jahren gefunden hat, als er auf der Suche nach einem Tischler für das monatliche Treffen im Ost-West-Club war. Gebrauchtes und Kaputtes wird dort an jedem letzten Montagabend kostenlos repariert. Neben dem Tischler ist ein Elektriker zur Stelle, außerdem eine Hobbyschneiderin, ein Computertechniker und Fachleute, die sich um kaputte Räder kümmern. Auch Flüchtlinge arbeiten mit. Alle tun es freiwillig und immer mehr Menschen nutzen den Service. Hansjörg Oberprantacher freut sich über jedes Gelingen, Wegwerfen ist ihm ein Gräuel.

 

Maria Lobis

 

 

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