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Meine Wenigkeit... weil jede*r Einzelne viel bewegen kann!

Sie verzichten auf Plastik, verarbeiten die Wolle ihrer eigenen Schafe, helfen anderen beim Reparieren kaputter Gegenstände oder leiten einen Waldkindergarten: Es gibt viele außergewöhnliche, beispielgebende, anders lebende Menschen in Südtirol, die ein Umdenken und nachhaltige Veränderungen bewirken können. Ihnen ist eine Artikelserie der oew in Kooperation mit der Südtiroler Tageszeitung gewidmet, die mit Februar 2017 gestartet ist. In jeder Wochenendausgabe stellen wir Menschen vor, die etwas Neues gewagt haben, etwas Besonderes machen und auf ihre Art einen wertvollen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten. Nachdem die besonderen Porträts von Maria Lobis in der Rubrik „Sonntagsbesuch“ der Tageszeitung erschienen sind, können sie hier nachgelesen werden.

 

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Ein Haus aus Hanf

Im Laaser Kindergarten saß er abseits, in der Jugendzeit rebellierte er, in seinen 20er-Jahren begann er, Berge zu erklimmen. Ein Einzelgänger ist Werner Schönthaler geblieben, obwohl längst ein hervorragender Netzwerker aus ihm geworden ist. Zu kämpfen beginne er, wenn eine existenzielle Notlage eintritt, sagt der 39-Jährige: Eine solche kam am 28. April 2002.

Die Fahrt auf den Schiern im hinteren Martelltal war rasant. Er weiß nicht, wie lange er vom Hals abwärts bewegungslos dalag, bis andere Schitourengeher ihn fanden. Er weiß aber, dass er in den folgenden Wochen im Bozner Krankenhaus weinende Besucher verschickte. Werner Schönthaler glaubte den Ärzten nicht und gehört zu den wenigen Prozent querschnittgelähmter Menschen, die wieder gehen können.

Als er Monate später die Klinik verließ, konnte er sich selbst versorgen, doch die Krise kam erst: Ständig schlapp, mit Medikamenten vollgestopft, konnte er im Betrieb seines Vaters nur mehr ein paar Stunden täglich arbeiten. Nerven- und Muskelschmerzen begleiten ihn bis heute. Er las von der Überwindung des Leidens und ging in ein Jesuiten-Kloster in die Schweiz, wo er ein Jahr lang intensiv Zen praktizierte. Der dortige Zen-Meister und Traudl Schwienbacher von der Winterschule Ulten sind seine wichtigsten Lehrer geworden. „Die erste Haut ist jene, die dich einpackt“, lehrte ihn Schwienbacher, die zweite Haut sei die Kleidung und die dritte die Wohnung. Schönthaler stellte sein Essen um, begann zu fasten, lebte eine Zeitlang vegan, wurde Rohköstler und isst heute ein Stück gutes Fleisch, wenn ihm danach ist. Gemeinsam mit Traudl Schwienbacher gründete er die Ultner Wollmanufaktur bergauf. „Mir sind stets die richtigen Leute begegnet“, sagt er. Dazu gehört auch Christoph Kirchler, der ihm von den Qualitäten der Nutzpflanze Hanf erzählte. Werner Schönthaler überzeugte seine Angehörigen, die Ziegel des Familienbetriebes aus Kalk und Hanf zu fertigen. Versuche folgten, Misserfolge auch. Nach langen Entwicklungsjahren weiß die Familie jetzt: Hanfstein macht nicht nur ökologisch Sinn.

Werner Schönthaler kaufte in Tschengls den Hof Castelatsch und baute dort das erste Südtiroler Wohnhaus aus Hanf. Heute habe er hundert Mal mehr Lebenskraft als früher. Schuldenfrei will er sich der Wunderpflanze und Autarkie noch stärker widmen: Ruhe findet der Pionier in der radikalen Stille. Und wenn Zeit bleibt, beim Brecheln, Hacheln, Spinnen und beim Entwickeln von Kosmetik aus Hanf. Gerne designt er Westen, Jacken oder Knöpfe selbst. Was es Schöneres gebe, als eine Jacke aus selbst angebautem Hanf und den Pullover aus hauseigener Wolle zu tragen, fragt er und schaut gedankenverloren hinunter zu seinen Island-Rindern, Lamas und Alpakas.

 

Maria Lobis

 

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