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Meine Wenigkeit... weil jede*r Einzelne viel bewegen kann!

Sie verzichten auf Plastik, verarbeiten die Wolle ihrer eigenen Schafe, helfen anderen beim Reparieren kaputter Gegenstände oder leiten einen Waldkindergarten: Es gibt viele außergewöhnliche, beispielgebende, anders lebende Menschen in Südtirol, die ein Umdenken und nachhaltige Veränderungen bewirken können. Ihnen ist eine Artikelserie der oew in Kooperation mit der Südtiroler Tageszeitung gewidmet, die mit Februar 2017 gestartet ist. In jeder Wochenendausgabe stellen wir Menschen vor, die etwas Neues gewagt haben, etwas Besonderes machen und auf ihre Art einen wertvollen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten. Nachdem die besonderen Porträts von Maria Lobis in der Rubrik „Sonntagsbesuch“ der Tageszeitung erschienen sind, können sie hier nachgelesen werden.

 

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Bauer sucht Zeit

Damals erschrak er: Die Zimmerei, in der Paul Spisser mehr als ein Vierteljahrhundert gearbeitet hatte, schloss die Tore. Fünf Jahre später ist der Bauer aus Pontives froh darüber. Der 54-jährige Absolvent der Gewerbeoberschule arbeitet zwar wieder in Teilzeit, kann sich jetzt aber vermehrt dem Hof widmen, der Imkerei, dem Flechten und Drechseln, seiner Mühle und den Trockenmauern, den Bäumen, Schafen und Pfauen. Und spinnen gelernt hat er auch. Das kann kaum ein Mann.

Den Oberspisser-Bauern bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Aber heute streicht er erzürnt über die Schnittwunden der abgeholzten Haselnuss-Stauden am Rand seiner Hofstelle. Jemand sie am Tag zuvor geschnitten und ist dabei rüde zu Werk gegangen. Auch einige seiner neu gepflanzten Ulmen, Nuss- und Ahornbäume sind dem Schnitt zum Opfer gefallen. Er wird neue pflanzen, für die Vielfalt tut er einiges. Und für Insekten auch: Er sichert alte Baumstümpfe, um dem kleinen Getier im Totholz einen Unterschlupf zu gewähren und den Vögeln einen Platz zum Nisten. Den Zaunkönig und den Buntspecht, die Kohl-, Blau- oder Spechtmeise erkennt er allein an deren Flug oder Gezwitscher.

Als Mitglied des Sortengartens Südtirol schätzt Paul Spisser alte Sorten und lokales Obst, lässt Sämlinge auf den Böschungen stehen und veredelt sie. Vor allem Aprikosen haben es ihm angetan: Steinobst pelzt er auf Steinobst, Kernobst auf Kernobst, das ist eine Grundregel. Und wenn Bäume und Wiesen blühen, setzt er sich vor das Flugloch seiner Bienenkästen, beobachtet das summende Chaos und entdeckt eine faszinierende Ordnung. Im Sommer pirscht er sich an seinen kleinen Naturteich heran und beobachtet die Kaulquappen. Besonders angetan haben es ihm die Ringelnattern, die sich dort Jahr für Jahr in der Sonne aalen.

Von alten Bauern im Ultental lernt er derzeit das Flechten von Lederstricken, dafür braucht es Rohhaut und viel Geduld. Gedrechselt hat er, seit er denken kann, die Liebe dafür vom Vater geerbt. Vor dem Stadel sind von der Natur extravagant geformte Äste aufgereiht: „Vielleicht brauche ich sie als Korbhalter oder Türöffner.“ Seit eineinhalb Jahren besucht er die Winterschule in Ulten. Das Spinnen und Flechten hat er dort gelernt, das Spinnrad schon lange vom Dachboden geholt und repariert. Zum Flechten möchte er lieber heimische Haselnuss verwenden als importierte Weiden.

Die Hofmühle hat er selbst gebaut, für den benötigten Mühlstein einen alten Mann aus dem Pustertal lange bekniet: „Er war einer der letzten seines Fachs.“ Paul Spisser mahlt den derzeit noch gekauften Weizen und die Gerste selbst und verfüttert das Vollkornmehl an die Kühe. Aber seine Augen strahlen, wenn er vom Acker spricht, den er demnächst anlegen will, um das Getreide für den Eigenbedarf selbst anzubauen. Je kleiner der Kreislauf, umso lieber, je mehr Zeit für den Hof, umso besser.

Maria Lobis

 

 

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