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Mein Auslandspraktikum in Inigo Nagar- Vanakkam mother India!

Sara Nalin

Im Flugzeug von Chennai nach Tuticorin wurde es für mich konkret: „Sara; du bist ab heute ein dreiviertel Jahr alleine in Indien!“. In dem Moment war es einerseits eine beängstigende Feststellung und doch eine, die mich mit Freude und Begeisterung auf andere Menschen aus einer anderen geographischen, finanziellen, kulturellen Situation erfüllt. Unvorstellbar wie er nun konkret sein wird, mein Praktikum im Fischerdorf in Südindien.

In Tuticorin gelandet wurde ich von einer Fülle von Eindrücken überwältigt: Die schwüle Hitze, der (überraschenderweise) graue Himmel, die vielen, dunkelhäutigen InderInnen, die Blicke, die auf mich gerichtet waren, meine Gedanken, hier nicht hineinzupassen. Pfarrer Rajesh wartete vor dem Flughafen schon auf mich. Er ist der Projektpartner der Caritas, der im Fischerdorf Inigo Nagar, Bundesstaat Tamil Nadu im südlichsten Indien, als Pfarrer des Dorfes eine Schule für Arbeiterkinder, eine abendliche Hausaufgabenhilfe und einen Kindergarten leitet. Und meine Aufgabe erklärte er mir bald, sei es, so gut wie möglich beim schon Bestehenden mitzuhelfen und mir von den Frauen des Dorfes zeigen und lehren zu lassen, wie das Leben im Dorf gelebt wird.

Untergebracht war ich bei einer jungen Frau namens Selvi Sansikumar, eine junge Witwe, die ihre beiden Töchter und ihren Sohn alleine, aber im Kreise der Großfamilie aufzieht. Bald schon merkte ich: Schüchterne, ruhige Frauen und dominante Männer? In Inigo Nagar stimmte dieses Klischee, das wir EuropäerInnen über Indien haben, nicht die Bohne. Ich habe die Frauen als stark, offen, ehrlich, aber auch laut und manchmal traurig erlebt. Sie sind die Räder, die das Dorf am Laufen halten und offen sind für Veränderungen.

Als ich dann zum ersten Mal ins Dorf gekommen bin, hat mich Usethina, meine Gastschwester (Selvis Tochter) gleich bei der Hand genommen und mich in ein Gebäude am Rande des Dorfes gebracht. Sie zeigte mir gleich, wohin ich sollte und was zu meinen Aufgaben als Freiwillige gehörte: Es war die abendliche Hausaufgabenhilfe, die „study-time“ im Dorf, in der die meisten Schulkinder von Montag bis Samstag ihre Hausaufgaben machen. An die fünfzig, sechzig Augenpaare waren auf mich gerichtet, als ich die „Study-hall“ das erste Mal betrat. Es sind Mädchen und Jungs, die neugierig auf die „sister from Italy“ schauten und mich nach kurzer Zeit des Überraschtseins zu sich winken.

Erst nach mehreren Tagen wurde ich mir meiner Aufgabe im Projekt so richtig bewusst: Ich unterstützte die beiden Lehrerinnen und machte mit den Kindern Englisch- und Mathematikaufgaben, zeichnete und half bei Schulprojekten mit. Manchmal saß ich mit den Jüngeren am Boden und sang englische Lieder oder half den Größeren mit Lineal und Zirkel bei der Geometrie. Meine Aufgabe war es nicht, all mein „europäisches“ Wissen einzubringen oder etwas zu verändern, sondern ich, Sara, zu sein und mit all meinen Stärken, aber auch Schwächen voll dabei zu sein und mitzuarbeiten.

Morgens half ich in der Schule für arbeitende Kinder, der „Fisher school“, der Schule für Kinder, die die Nacht über ihren Vätern beim Fischfang halfen. Diese Buben und einige Mädchen konnten keine „normale“ Ganztagsschule besuchen. Zwei Lehrerinnen und eine Betreuerin lernten mit den zwanzig Kindern lesen, schreiben, einfache Rechnungen und Englisch, worin ich sie unterstützte und auf meine Art versucht habe, bei den Kindern die Neugier auf etwas Neues zu wecken. Ich habe beispielsweise einmal aus Zeitungen Bilder ausgeschnitten und daraus ein englisches Memory mit Bildern und Wörtern gebastelt.

Drei Monate lang standen für mich die Begegnungen mit Menschen im Vordergrund. Echt sein, authentisch sein haben seit meiner Zeit in Indien für mich noch einmal eine neue Dimension bekommen. Ich finde viele Kinder in unseren Breiten bekommen viel zu wenig oft gesagt, dass die Bedürfnisse, die sie spüren, ihre Gedanken, ihre Einwände, ihre Pläne für die Zukunft, ihr ganzes „Sein“ gut ist und dass sie zufrieden mit sich, unabhängig von äußeren Umständen glücklich sein und innerlich ruhig aufwachsen dürfen. In Inigo Nagar ist mir das zum ersten Mal klar geworden und seitdem durchzieht dieser Gedanke mein Leben wie ein roter Faden.

Ich durfte drei Monate lang in einer großen Dorfgemeinschaft mitleben und obwohl ich doch nur ein Gast für eine kurze Zeit war, gehörte ich voll dazu und fühlte mich als ein Mitglied des Dorfes. Nach einiger Zeit adoptierte mich meine Gastfamilie als Schwester und Tochter, bei Hochzeiten im Dorf oder Schulaufführungen war ich für die DorfbewohnerInnen selbstverständlich dabei, auch wenn ich selbst manchmal Vorbehalte hatte und mich fragte, ob es schon ok sei, wenn ich einfach mitgehe. Manche Frauen im Dorf lehrten mich Wäsche mit der Hand zu waschen oder indische Gerichte zu kochen, woraufhin ich ihnen im Haushalten helfen durfte, aber natürlich erst, sobald sie sicher waren, dass ich es beherrschte. (Und es dauerte seine Zeit bis sie mit mir zufrieden waren)

Es war eine wunderbare Zeit für mich, prall gefüllt mit positiven Erinnerungen, gespickt mit einigen schmerzhaften Erfahrungen, die ich nie vergessen werde. Mir sind so viele Menschen ans Herz gewachsen und es ist schön das Telefon in die Hand zu nehmen und meine Freunde anzurufen, die so weit weg wohnen, aber wenn wir uns hören, fühle ich mich ihnen ganz nahe und es ist als würde ich für kurze Zeit wieder ganz zurückkehren. Dann wird mir klar, dass ich das alles wirklich erleben durfte.

 

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