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18/02/2012

Identitätskonstruktionen und Sprache

Zwei- und Mehrsprachigkeit sind keine rein linguistischen oder sprachdidaktischen Probleme

Identität ist nichts Feststehendes, sie formt und transformiert sich ein Leben lang, auch wenn Grundzüge des Charakters und der Persönlichkeit sich wie ein roter Faden durch lange Lebensperioden ziehen können. Mit dem Problem der Zwei- beziehungsweise Mehrsprachigkeit verbinden sich Probleme mit der individuellen und kollektiven Identität und dies nicht nur in Gebieten, in denen autochthone sprachliche Minderheiten mit dem Staatsvolk zusammenleben.

Zeichnung: mehrere Personen vor einer Weltkarte, alles in Blau.

Für die Zeiten der Vormoderne und Moderne könnte Identität folgendermaßen definiert werden: Eine Identität zu haben bedeutet, so zu sein wie alle anderen, aber zugleich anders zu sein als alle anderen. Es bedeutet, einer Gruppe anzugehören, deren wesentlichste Identitätsmerkmale man übernimmt und sich zugleich in weniger wichtigen Merkmalen von allen Mitgliedern der Gruppe zu unterscheiden. Es könnte aber auch bedeuten, Distanz und Kritik zu den Gruppennormen aufzubauen, ja sogar aus dem Kreis der Gruppe herauszutreten, wenn man in zentralen Bereichen das Wertesystem der Gruppe nicht mehr teilen kann. In seltenen Fällen wird dem Individuum bei einem derartigen Schritt „Zivilcourage“ attestiert, häufiger jedoch wird es als Verräter bezeichnet.

Diese höchste Stufe der Identität nennt der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas „Ich-Identität“. Es ist dies ein Konzept, das Habermas 1976 entworfen hat und das in großen Zügen auch heute noch geteilt werden kann.[1] Habermas verbindet den psychologischen Ich-Begriff (Piaget, Erikson) mit dem soziologischen Begriff der Identität und ... begreift diesen hinsichtlich sozialer Räume und historischer Zeiten als ‚symbolisch organisierte Struktur des Ichs’ innerhalb eines Lebenszusammenhanges.[2]

Ich-Identität

Die Erreichung dieses Stadiums erfordert ein Heraustreten aus dem Kollektiv. Dies gelingt nur, wenn die Gruppennormen mit Distanz und Kritik gesehen werden, wenn sie als bloß eingewöhnte Lebensformen, als bloße Konventionen erkannt werden, wenn ihnen die Normativität von Seiten des Individuums abgesprochen wird. Hier wird es schwierig, trotz widersprüchlicher Rollenanforderungen und unvereinbarer Erwartungen sich vor sich selbst und vor den anderen als ein- und dasselbe Individuum darstellen zu können.

Man könnte sagen, der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die ganze Welt! Die meisten Menschen aber definieren sich über ihre Zugehörigkeit zu Gruppen, wobei deren Identitätsmerkmale (auch Denkweisen, Haltungen, Einstellungen) und die dazu gehörigen Identitätsaufhänger übernommen werden, wie zum Beispiel Besitz, akademischer Titel, Geschlecht, Altersgruppe, Dialekt, Ethnie, Religion, Beruf.

Identität in der Postmoderne

Ende der 80-er Jahre entstand in den Sozialwissenschaften mit den beginnenden Anzeichen einer massiven Globalisierungstendenz das Konzept der „Patchwork-Identität“. Identität wird nun nicht mehr als ein einheitlicher Block verstanden, sondern als eine Art „Fleckenteppich“ gedacht. Die Identität setzt sich aus Teilidentitäten zusammen, die unterschiedlichste Aspekte betreffen, wie die Facetten eines Bienenauges, aber doch eine Zusammenschau in der Einheit, Kontinuität und Kohärenz der Person erzielen.

In den unterschiedlichen sozialen Situationen, besonders in mehrsprachigen Gebieten, durch Kontakte mit anderen Kulturen, durch das Erlernen anderer Sprachen gewinnt das Individuum unterschiedliche Weltsichten, lernt die Vielfalt schätzen und gewinnt neue Zugehörigkeiten, verliert sich aber trotzdem nicht.
Alle Zugehörigkeiten sind Bestandteile der Identität, sie haben nicht alle den gleichen Stellenwert, doch keine ist völlig bedeutungslos.

Identität ist schließlich nichts ein für alle Mal Feststehendes, sie formt und transformiert sich ein Leben lang, auch wenn Grundzüge des Charakters und der Persönlichkeit sich wie ein roter Faden durch lange Lebensperioden ziehen können.

Identität und Sprache

Mit dem Problem der Zweisprachigkeit und erst recht mit dem Problem der Mehrsprachigkeit verbinden sich meist sofort Probleme mit der individuellen und kollektiven Identität. Und dies nicht nur in Gebieten, in denen autochthone sprachliche Minderheiten mit dem Staatsvolk zusammenleben. Diese Ängste vor einer sprachlichen und kulturellen Vermischung, vor „hybriden“ sprachlichen und kulturellen Situationen, vor einem Verlust des eigenen individuellen und kollektiven Selbstbewusstseins, sind weit verbreitet. Sie finden sich in italienischen Regionen ebenso wie in französischen, in Bayern ebenso wie in den meisten Bundesländern Österreichs, in Südtirol ebenso wie in Belgien, und sie sind in einer akuten und gefährlichen Weise zum Beispiel in Lettland, Litauen und Estland vorhanden.

Tatsächlich ist es aber so, wie Stuart Hall schreibt: West-Europa hat keine Nation, die nur aus einem Volk, einer Kultur oder Ethnizität besteht. Alle modernen Nationen sind kulturell hybrid.[3] Trotzdem ist die Meinung weit verbreitet, dass der einsprachige, in seiner Muttersprache „verwurzelte“ Mensch am stärksten mit sich in Einklang stehe. Die berühmte Aussage von Nelde (1997)[4] Einsprachigkeit ist heilbar! löst bei vielen sofort negative Reaktionen aus. Diese Defizithypothese wird nur ungern akzeptiert, da sie laut Eurobarometer 243/2005[5] für die Hälfte der europäischen Bevölkerung der Wahrheit entspricht.

Im Südtiroler Sprachbarometer 2004 (Astat 2006, a. a. O., Seite 176 f.)[6] geben die Befragten auf die Frage (Mehrfachnennungen möglich), wie sie sich die Schwierigkeiten beim Erlernen der Zweitsprache erklären könnten, folgende Hauptgründe an:

Deutsche Sprachgruppe:
mangelndes Interesse 57,2%
mangelnder Wille 42,9%

Italiensche Sprachgruppe:
häufiger Gebrauch des deutschen Dialektes, welcher mit der in der Schule erlernten Sprache nicht übereinstimmt 40,1%
Schulsystem, das den heutigen Erfordernissen nicht gerecht wird 38,5%
mangelnder Wille 43,0%

Mehr als die Hälfte der Deutschsprachigen gibt also offen zu, kein Interesse daran zu haben, die Zweitsprache Italienisch zu lernen; die Italienischsprachigen geben die Schuld den Dialekten der Deutschsprachigen und dem Schulsystem und erklären zu 43%, dass ihnen der Wille dazu fehle.

Die Selbsteinschätzung in den vier Fertigkeiten der Zweitsprache bringt folgende Ergebnisse:

Ich kann nichts verstehen:
Hören: 24,6% italienische Sprachgruppe, 5,2% deutsche Sprachgruppe
Lesen: 37,9% italienische Sprachgruppe, 9,4% deutsche Sprachgruppe

Ich kann mich nicht ausdrücken:
Sprechen: 38,8% italienische Sprachgruppe, 5,1% deutsche Sprachgruppe
Schreiben: 41,4% italienische Sprachgruppe, 10,5 deutsche Sprachgruppe

Was die Fähigkeit der Ladiner angeht, sich in den beiden wichtigsten Landessprachen zu verständigen, verstehen nahezu alle (95,6%) Standarditalienisch mühelos; einige Prozentpunkte weniger erreicht die Sprechfertigkeit, dasselbe gilt auch für die Schreibkompetenz und das Leseverständnis (93,5%). Beim Hochdeutschen erreichen sie etwas geringere Werte als beim Italienischen, aber doch ein gutes Niveau bezüglich Hörverständnis, Leseverständnis, Sprechfertigkeit und schließlich Schreibkompetenz. (Astat 2006, a.a.O., Seite 153)

Zweisprachigkeit und Mehrsprachigkeit sind demnach keine rein linguistischen oder sprachdidaktischen Probleme. Diese lassen sich mehr oder weniger lösen. Sie sind vielmehr in einem eminenten Sinne politische, oder besser gesagt sprachenpolitische Probleme.

Siegfried Baur


Siegfried Baur: Ordentlicher Professor für Allgemeine Pädagogik und Sozialpädagogik an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen


[1] Habermas, J. (1976): Moralentwicklung und Ich-Identität. In: derselbe: Rekonstruktion des historischen Materialismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 63-91

[2] Belgrad, J. (1992): Identität als Spiel. Eine Kritik des Identitätskonzeptes von Jürgen Habermas. Opladen, Westdeutscher Verlag, S. 31

[3] Hall, St. (1994): Rassismus und kulturelle Identität. Hamburg: Argument

[4] Nelde, Peter H. (Hg.) (1997). Einsprachigkeit ist heilbar: Überlegungen zur neuen Mehrsprachigkeit Europas. Tübingen: Niemeyer

[5] http://ec.europa.eu/education/policies/lang/languages/eurobarometer06_de.html (Zugriff am 04.10.2010, jetzt nicht mehr erreichbar)

[6] Astat – Landesamt für Statistik (2006): Südtiroler Sprachbarometer 2004. Sprachgebrauch und Sprachidentität in Südtirol, Bozen: Autonome Provinz Bozen/Südtirol


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