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18/02/2012

Das ladinische Schulmodell

Die drei Südtiroler Landessprachen werden zur Selbstverständlichkeit

Besonderen Stolz zeigen die Ladiner neben der ladinischen Sprache wohl für das ladinische Schulmodell, auch paritätisches Schulmodell genannt. Dieses ganz eigens für Gröden und das Gadertal konzipierte Modell, das im zweiten Autonomiestatut von 1972 verankert ist, sieht, neben der ladinischen Muttersprache, auch eine gleichmäßige Verteilung der deutschen und italienischen Sprache vor.

Einige Kinder spielen ein Gesellschaftsspiel zusammen mit der Lehrerin.

Spätestens ab dem Kindergartenalter kommt jedes Kind in den ladinischen Tälern Südtirols mit allen drei Landessprachen in Kontakt, da in allen Kindergärten diese Sprachen gesprochen werden. In den Kindergärten im Grödnertal zum Beispiel wechseln sich die drei Sprachen wöchentlich ab, so werden die didaktischen Angebote eine Woche lang in ladinischer Sprache, dann auch jeweils in deutscher und italienischer Sprache gehalten. Jedes Kind wird zudem individuell von den Kindergärtnerinnen in seiner Muttersprache angesprochen, was ihm Sicherheit und Vertrauen gibt.

Der Gebrauch seiner Muttersprache fördert wohl die kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten jedes Kindes, der Zugang zu den anderen zwei Sprachen ist sanft und graduell. Nichtsdestotrotz staune ich als Mutter nicht wenig, wenn meine Kinder schon im Alter von 3 beziehungsweise 5 Jahren vor dem Nikolaus ein italienisches Gedicht aufsagen und dazu noch ein ladinisches und deutsches Lied vorsingen, auch wenn sie nicht jedes einzelne Wort davon verstehen und manche Strophe nur sinngemäß und dank der pantomimischen Gesten erfassen.

Dennoch wissen sie schon jetzt, dass diese drei Sprachen zur Realität im Tale gehören und sie werden auch für sie, spätestens ab dem ersten Kindergartentag, eine Selbstverständlichkeit. Ich staune immer wieder, mit welcher Natürlichkeit in den Kindern Interesse und Aufnahmebereitschaft für die Sprache sowie das Experimentieren mit der Sprache geweckt werden.

In der Grundschule beginnt dann die mehrsprachige Alphabetisierung. Während sich in meiner Kindheit meine Eltern noch entscheiden mussten, ob sie mich in die deutsche oder italienische erste Klasse schicken wollten, hat hier ein Umdenken stattgefunden. Die Alphabetisierung wird ebenfalls in allen drei Landessprachen durchgeführt, so lernt ein Kind zum Beispiel den Buchstaben S durch Wörter wie „surëdl“, „Sonne“, „sole“, ab der vierten Klasse auch durch „sun“ kennen, da dann auch noch Englisch als Fremdsprache hinzukommt.

Alle anderen Fächer werden in gleicher Stundenzahl auf Deutsch beziehungsweise Italienisch unterrichtet. So werden im gleichen Fach einige Inhalte auf Deutsch und andere auf Italienisch unterrichtet. Zudem findet auch Ladinischunterricht statt, die ladinische Sprache bleibt Behelfssprache für den Unterricht, sollte mal ein Kind eine Übersetzung oder Anweisung in seiner Muttersprache benötigen. Fächer wie Musik und Religion werden in allen drei Sprachen unterrichtet.

In der Mittel- und Oberschule sind die Sprachen dann auf die Fächer verteilt. So wird in der Mittelschule zum Beispiel Naturkunde auf Deutsch unterrichtet, während der Geografieunterricht auf Italienisch erteilt wird. Dreisprachig werden wiederum die Fächer Musik und Religion abgehalten.

Mit der neuen Oberschulreform wird der Ladinischunterricht in der Oberschule von einer auf zwei Wochenstunden erhöht, alle anderen Fächer sind wieder, im Sinne des paritätischen Modells, gleichmäßig aufgeteilt. Englisch bleibt Fremdsprache, in einigen Fachrichtungen wie in der touristischen Fachrichtung der Wirtschaftsfachoberschule in St. Ulrich kommt Spanisch als zweite Fremdsprache hinzu, am neusprachlichen Gymnasium in Stern im Gadertal Französisch.

Kritiker des Modells werfen uns oft vor, dass wir keine der drei Sprachen perfekt beherrschen. Das mag zwar stimmen, aber die sprachliche Perfektion ist auch von Nicht-Ladinern schwer zu erlangen. Die hohe Erfolgsquote der Ladiner bei der Zwei- und Dreisprachigkeitsprüfung spricht jedoch für sich.

Da wir Ladiner seit dem Kindesalter mit allen drei Landessprachen konfrontiert sind, ist es für uns oft verwunderlich, dass gegen das Erlernen der anderen Landessprache oft so heftig debattiert wird und dass diese zweite Landessprache nicht intensiver gefördert wird. Vielleicht sollte auch -zumindest kurz - ein Einblick in die dritte und älteste Sprache Südtirols an den Schulen angeboten werden.

Maria Teresa Mussner
Englischlehrerin an der Wirtschaftsoberschule „Raetia“ in St. Ulrich in Gröden


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