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12/01/2010

Grenzen: akzeptieren oder überwinden?

Der Umgang mit Grenzen ist eine persönliche Entscheidung

Was ist eine Grenze? Warum brauche ich Grenzen? Welche Wirkung haben sie? Wie kann ich mit ihnen umgehen? Warum will ich Grenzen überwinden?

Schwarzweißportrait von Georg Simmel. Er trägt schmale Brillen und schwarzen Bart.

Die Wurzeln des deutschen Wortes Grenze liegen in den slawischen Sprachen. "Granica" kommt aus dem Polnischen und fand im 13. Jahrhundert seinen Weg in das deutsche Sprachgebiet, wonach "Grenze" in den alltäglichen Gebrauch der deutschsprachigen Bevölkerung aufgenommen wurde.

Zu Beginn der Verwendung des Wortes kam ihm ausschließlich die Bedeutung einer räumlichen Trennlinie oder -fläche zu, wie zum Beispiel die Staatsgrenzen. Mit der Zeit wandelte sich der Gebrauch, bis schlussendlich die Vorstellung von Grenze als einen Raum abgelöst wurde und anstelle dessen die Auffassung von Grenze als Schranke, Abschluss, Ziel oder Ende sich durchsetzte.

Wie wandelbar und dynamisch der Begriff "Grenze" ist, zeigt folgendes Beispiel: Die Staatsgrenzen innerhalb der Europäischen Union wurden bis zum Zweiten Weltkrieg in Folge von Kriegen und friedensstiftenden Verträgen ständig neu bestimmt. Allerdings änderte sich der Verlauf der Staatsgrenzen in den letzten fünf Jahrzehnten nicht mehr und es reifte eine neue Bedeutung des Begriffes. Grenzen sind nun durchlässiger geworden: Die gemeinsame Währung ist eine der nationalen Barrieren (weitere Barrieren sind die Sprache und die Kultur), die abgebaut wurde.

Die Forschungen des deutschen Soziologen Georg Simmel ergaben, dass für das gesellschaftliche Zusammenleben die Notwendigkeit von psychischen und materiellen Grenzen unerlässlich ist. Jede/r Bürger/in zieht eigene Grenzen und schafft damit eine persönliche (Welt-, Gesellschafts- und Raum-)Ordnung. Die persönliche Grenzziehung bestimmt darüber, was als eigen und fremd oder was als gut und böse gilt. Grenzen sind Grundlage für die Verdeutlichung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten, die als Merkmale zur Grenzziehung gelten. Daher können sie häufig zum Ein- beziehungsweise Ausschluss einer bestimmten Personengruppe führen.

Gleiche Interessen fördern die Identifikation und das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Mitmenschen. In den Grenzen sucht die Person Halt, Orientierung und Sicherheit, was wiederum zum Ausschluss führen kann. Beispielsweise ist die gemeinsame Sprache ein verbindendes Glied. Hierzu ein kleines Beispiel: Bei meiner Arbeit sprechen alle Englisch. Nur ich bin nicht in der Lage, einem Gespräch in dieser Fremdsprache zu folgen. So fühle ich mich alleine und entferne mich von der Gruppe. Die englische Sprache stellt für mich eine Grenze dar, die mich von meinen Arbeitskolleg/innen unterscheidet und die mich zu einem Außenseiter macht, falls ich nicht versuche, sie zu überwinden.

Grenzen können eine trennende beziehungsweise eine verbindende Wirkung haben, denn keine Grenze ist vollkommen: Sie haben alle eine Öffnung oder einen Durchgang. Überträgt man diese Aussage auf den Alltag, bietet sich folgendes Beispiel an: Im Garten zweier Nachbarn steht ein Zaun, um die Gärten in zwei Grundstücke zu teilen. Der Zaun stellt demnach eine Trennung der Gärten dar, die jedoch gleichermaßen eine gemeinsame Grenzziehung ist. Somit ist der Zaun sowohl eine trennende, aber zugleich auch eine verbindende Grenze. Zu beachten ist dabei, dass sich im Zaun meist auch ein Eingang, ein kleines Tor befindet, welches die Grenze überwindbar macht. Versuche ich dies auf eine psychische Ebene zu bringen, bedeutet es, dass meine persönlichen Grenzen nicht unumgänglich sind, sondern ein kleines Schlupfloch aufweisen, welches die Möglichkeit birgt, an meine Grenzen zu gehen und neue Herausforderungen zu überwinden. Georg Simmel behauptet außerdem, dass eine Grenze erst dann "brauchbar" ist, wenn man der Grenze ausweichen beziehungsweise diese überwinden kann.

Grenzen haben eine ambivalente Wirkung: Der Umgang mit Grenzen hängt vom Menschen ab - ob diese verstärkt und befestigt oder überschritten und aufgebrochen werden. Das heißt, Grenzen können die Handlungsoption der Person sichern beziehungsweise erweitern oder einschränken. Der theoretische Ansatz von Mary Douglas identifiziert vier Umgangsformen mit Grenzen:

  • Libertarian: Die Personen, die der Gruppe der Libertarian angehören, empfinden Grenzen grundsätzlich als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit und Entwicklungsmöglichkeit. Sie sehen sie als Herausforderung und als Chance und sind immer bereit die Grenzen zu überschreiten. Das Risiko und die Gefahr sind nie zu groß und sie befinden sich daher permanent auf der Suche nach ihren eigenen Grenzen.
  • Hierarchist: Die Hierarchists sehen Grenzen als allgemein geltende und verbindliche Normen und Werte, welche respektiert werden müssen. Die Gemeinschaft hat eine gut definierte Struktur, welche jedem Mitglied eine Rolle zuweist. Die Sanktionierung bei Nichteinhaltung der Grenzen ist Aufgabe eines Mitglieds, welchem uneingeschränkt vertraut wird.
  • Communitarian: Diese dritte Gruppe sieht Grenzen als notwendigen Schutz für das Zusammenleben in der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft setzt die Grenzen und achtet auf deren Einhaltung.
  • Fatalist: Fatalists haben eine passive Verhaltensweise gegenüber Grenzen. Sie passen sich dem vorgegebenen Weltbild an, das durch andere Gruppen festgelegt wird.

Menschen suchen nach Sicherheit und Geborgenheit und streben gleichzeitig nach Risiko und Grenzüberschreitung. Die Verhaltensbiologie gibt darauf folgende Antwort: Die Evolution hat in unserem Nervensystem zwei unterschiedliche Motivationen angelegt. Zum einen ist dies das Wohlgefühl, wenn wir essen oder wenn wir mit anderen Menschen in Kontakt treten. Zum anderen löst es in uns ein beflügelndes Gefühl aus, wenn wir über das bloße Überleben hinauskommen und diese Grenze überschreiten. Der Mensch überschreitet nur dann eine Grenze, wenn er sich sicher fühlt, in anderen Worten: Der Mensch geht nur dann ein Risiko ein, wenn er damit Sicherheit gewinnt. Wonach aus etwas Unbekanntem etwas Bekanntes und aus Unsicherheit Sicherheit wird. Der Mensch wird getrieben von Neugier, und diese Neugier fördert das Kennenlernen von Neuem.

Doch warum wollen wir überhaupt Grenzen überwinden?

Zum einen stellen Grenzen eine Herausforderung dar, wenn es um die Persönlichkeitsentwicklung geht. Wird versucht, die eigene Person zu verändern beziehungsweise weiterzuentwickeln, müssen Chancen wahrgenommen werden. Die Chancen werden allerdings nur dann sichtbar, wenn man den Willen zur Persönlichkeitsentwicklung aufbringt. Die Motivation, über sich hinauszuwachsen, führt dazu, dass man Grenzen überwindet und neue Grenzen setzt. Erinnern Sie sich an das Beispiel der englischen Sprache? In diesem Fall bedeutet es, dass ich entweder weiterhin alleine bleibe und mit meinen Arbeitskolleg/innen nicht spreche oder ich nehme die Herausforderung an und versuche der englischen Sprache mächtig zu werden. Damit überschreite ich eine wesentliche Grenze, die mir das gemeinsame Gespräch mit meinen Arbeitskolleg/innen verhindert hat.

Auch Angst oder eine Notsituation können grenzüberschreitendes Handeln auslösen. Die natürliche Angst, die der Mensch in einer gefährlichen Situation empfindet, bringt ihn zur Grenzüberwindung. Das rasche Handeln in einer Notlage beruht meist auf instinktivem Verhalten, das heißt, was wir uns in einer alltäglichen Situation nicht getraut hätten zu machen, wird in einer brenzligen Situation aus dem Affekt durchgeführt, wie beispielsweise die Erste Hilfe bei einem Unfall.

Die Anforderungen unserer Gesellschaft steigen zunehmend an. Damit einhergehend nehmen die Ansprüche an uns selbst zu. Vergleichen wir die Situation vor 10 Jahren mit der heutigen: Das Studium ist nicht mehr, wie vor einigen Jahren, die Eintrittskarte in die Arbeitswelt. Die Student/innen sind "verpflichtet", zusätzliche berufliche Erfahrungen zu sammeln, um eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Das heißt, mit der Zeit hat sich der Stellenwert eines Studiums gewandelt und damit auch die Anforderungen an die StudentInnen. Auch auf letztere wird großer Druck ausgeübt, da sie wissen, dass das bloße Studium sie nicht an das Ziel bringen wird.

Abschließend noch eine kurze Anmerkung: Den Ausführungen zufolge sind Grenzen überaus wichtig für unser persönliches als auch gesellschaftliches Leben, weil sie uns Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Allerdings rührt in jedem von uns die Neugierde: Sie kurbelt die Risikobereitschaft an und stellt damit die natürliche Treibkraft zur Grenzüberschreitung dar. Doch jeder Einzelne von uns muss für sich selbst Grenzen definieren, gesetzte Grenzen überdenken und überwinden und neue Grenzen entwickeln.

Sabine Petriffer


Sabine Petriffer: OEW-Vorstandsmitglied, Mitarbeiterin der OEW-Rundbrief-Redaktion, Leiterin des Vereins "Südtiroler in der Welt - Arbeitsstelle für Heimatferne"



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