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16/04/2010
Inhalt: Nachhaltige Lebensstile
Ecolnet: zivilgesellschaftliche Initiative für Südtirol neu gegründet
Ecolnet ist eine Plattform mit Geschichte. Seit den 60er und 70er Jahren gibt es eine Entwicklung hin zu Nachhaltigkeit und Wissensaustausch bei der Lösung dringender Fragen. Die Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Bürgerinitiativen spielt dabei eine wichtige Rolle. Dazu entstand eine internationale Zivilgesellschaft.

Weil die Regierungen den ökologischen und politischen Wandel nicht allein vorantragen konnten, begannen Bürger und Wissenschaftler damit, sich zusätzlich in unabhängigen Initiativen zu organisieren. 1968 entstand der "Club of Rome", 1992 kam es zur Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro. Ende der 80er Jahre entstand - als eine von vielen Basisinitiativen - das Netzwerk "Sol" in Österreich. Damals entstand unter der Leitung von Arno Teutsch auch der Verein Ecolnet in Bozen als international ausgerichtetetes Netzwerk für Südtirol.
Ecolnet war in den 80er und 90er Jahren eine Bürgerinitiative, die hauptsächlich von ehrenamtlicher Arbeit getragen wurde. Sie baute eine zivilgesellschaftliche Brücke zwischen tiefenökologischen, feministischen, gewerkschaftlichen und gesellschaftsemanzipatorischen Ansätzen.
Ecolnet, das waren zahlreiche Einzelprojekte: "Oilwatch" für eine Zivilisation ohne Erdöl, Integrales Entwicklungsmanagement, Tätigkeit zu Freier Software und Freiem Wissen, das Projekt "Gute Arbeit", das Projekt "Sonnenblume" zur sozialen Innovation, das Projekt "Modelle nachhaltiger Lebensstile" und andere. Ecolnet, das waren aber auch das Klimabündnis Ecuador und Filme über die Lebensformen und Kulturtraditionen der Eingeborenen in Teilen der Entwicklungsländer.
Über zwei Jahrzehnte war Ecolnet auf diese Weise eine Mischung von Menschen, die die Südtiroler Gesellschaft offener, vielfältiger, toleranter, nachhaltigkeitsorientierter machten – manchmal mit aufsehenerregenden Aktionen und Erfolgen, manchmal mit weniger Durchschlagskraft oder am Rande der gesellschaftlichen Themen. Ecolnet bedeutete Freiheit und Vielfalt der Sichtweisen bei einigen tragenden gemeinsamen Idealen.
Ecolnet bedeutete aber auch eine allmähliche gesellschaftliche Durchsetzung – und damit Verallgemeinerung – zentraler Themen, wodurch die Aufgabenstellung sich veränderte. Dazu kamen wachsende Selbstausbeutung und eine zunehmende Verkettung bürokratischer Vorgaben. Dies ließ seit 2005 den Sinn der Initiative zunehmend undeutlich werden. 2008 kam die Projektarbeit von Ecolnet an ein vorläufiges Ende.
Neugründung für die Herausforderungen der heutigen Welt
Trotzdem ist Ecolnet noch immer lebendig. Viele Menschen in Südtirol sind darauf ansprechbar. Mit ihnen ist es möglich, das Gute des bisherigen Weges zu bewahren, aus den Erfahrungen Schlüsse zu ziehen, um neue Kraft zu schöpfen für die Bewältigung der Aufgaben, die sich der BürgerInnengesellschaft nach der weltpolitischen Wende 1989-91 und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 im Zeitalter von Klimawandel, Bevölkerungsexplosion, technologischem Wandel und Krise des Finanzsystems stellen. Ecolnet ist als Plattform, als Ansprechpartner für Gegenwarts- und Zukunfts-Fragen vielen Südtirolerinnen und Südtirolern noch immer ein Begriff, auch eine Hoffnung. Das ist ein Erbe, das unserem Land nicht verloren gehen sollte.
Deshalb hat sich im Herbst 2009 eine neue Kerngruppe zusammengefunden, die Ecolnet am 11. Oktober 2009 neu gegründet hat. Die Gruppe will Ecolnet an die Anforderungen der Gegenwart anpassen und parallel zu bestehenden Initiativen sowie parteiunabhängig Maßnahmen für eine nachhaltigkeitsorientierte Zukunft in Südtirol setzen. Diese Gruppe besteht aus folgenden Personen (in alphabetischer Reihenfolge): Anton Auer, Ulli Bauhofer, Roland Benedikter, Martha Jimenez-Rosano, Ingrid Karlegger, Peter Litturi, Giovanni Melillo, Sissi Prader und Christian Troger.
Was wollen wir? Was können wir?
Was wir wollen, ist die realitätsnahe Verwirklichung der Ideale und Visionen der internationalen Zivilgesellschaft: Nachhaltigkeit, globale Wissensteilung, freier Wissenszugang und gesellschaftliche Emanzipation "von unten". Es geht im Kern also um die Verbindung von Wissen mit gesellschaftlicher Veränderung.
Die gemeinsame Grundlage ist der Gedanke der "Bewusstseinsentwicklung". Er enthält den Gedanken der Ganzheit des Lebens, das Bedürfnis der Teilnahme an dem vor unseren Augen ablaufenden Paradigmenwechsel und nach einer Gesamtsicht der Dinge, aber auch den UNESCO-Gedanken Alle sind gleich, alle sind anders.
Er beinhaltet auch die Suche nach einer angemessenen Lebensform des Einzelnen im Austausch mit der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt.
Was wir können, ist zweierlei:
- Lebenserfahrung austauschen, um ein multidisziplinäres "Lebenswissen" zu entwickeln und zu pflegen. Das schließt individuelle und gemeinsame Forschung und Wissensaustausch ein. Wir wollen dazu Dialogtreffen veranstalten.
- Eine Plattform zu aktuellen Themen bilden, um öffentliche Aufklärungsarbeit über die "großen Themen" unserer Zeit ebenso voranzutragen wie Hilfe bei der persönlichen Praxis in den unterschiedlichen Arbeits- und Anwendungsfeldern, in denen die Mitglieder der BürgerInnengesellschaft in Südtirol tätig sind.
Wir verfügen dazu über eine gute regionale Infrastruktur, über die Hilfestellung vonseiten internationaler Netzwerke, aber auch über eine solide wissenschaftliche Beratung und Anbindung, darunter an die Universitäten Stanford und Santa Barbara. Diese beiden Universitäten gelten als Vorreiter bei den Themen "Alternative Wirtschaftsformen", "Zivilgesellschaft", "Nichtregierungsorganisationen", "Befreiungstechnologien" und "gemeinnütziger technologischer Zugang" in den USA und darüber hinaus.
Die globale Veränderung als Ganzes sehen
Der konkrete Arbeitsschwerpunkt, den wir setzen wollen, ist Wissensaustausch zur "Globalisierung". Das läuft auf eine Sichtweise hinaus, die "das Ganze sehen" will. In Südtirol besteht - trotz aller Vielfalt hoch spezialisierter Teilinitiativen, oder gerade deswegen - heute ein wachsender Bedarf nach einer "Gesamtsicht der Dinge", der hierzulande noch wenig bis gar nicht abgedeckt wird. Es handelt sich um eine Sicht, die dem globalen Wissen gerecht wird und den Bedarf nach Sinngebung des Tuns mit dem vor unseren Augen ablaufenden Veränderungsprozessen und der Entwicklung der Arbeitswelt in Beziehung setzen kann. Auf dieses Thema der Ganzheit und der Einheit von Wissen, Sinn, Leben und Arbeit wird sich das "neue" Ecolnet konzentrieren. Arbeitsschwerpunkte, um das Ganzheitsthema zu konkretisieren, werden Forschung und gesellschaftliche Information zur "globalen Systemverschiebung" der Gegenwart sein.
Einladung zur Mitarbeit
Wir laden alle LeserInnen ein, sich an der Entwicklung des "neuen" Ecolnet zu beteiligen. Alle Interessierten sind herzlich willkommen. Es gibt monatliche Treffen. Ansprechpartner sind Toni Auer und Roland Benedikter: Südtirolerstrasse 19, 39100 Bozen, info@ecolnet.bz, anton@ines.org.
Sigrid Prader, Mitglied der Ecolnet-Kerngruppe


