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13/04/2010
Inhalt: Gemeinwohl statt Gewinn
Eine nachhaltige Wirtschaft bedarf eines neuen Werte-Fundaments - und eines dazupassenden Rechtsrahmens
Die gegenwärtige Krise ist keine "technische" Finanzkrise, sondern eine umfassende Systemkrise: Energieknappheit, Klimawandel, explodierende Hungerzahlen, wachsender Migrationsdruck, globale Ungleichheit, Demokratiekrise, Sinn- und Wertekrise. Hier helfen keine oberflächlichen "Regulierungen" wie strengere Eigenkapital- oder Bilanzregeln, sondern es muss an die Wurzel gehen.

Unser gegenwärtiges Wirtschaften beruht auf Gewinnstreben und Konkurrenz. Dieser Motivationskern bewirkt systemischen Wachstumszwang und fördert asoziale Verhaltensweisen wie Egoismus, Gier, Geiz, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit. Gleichzeitig unterminiert sie alle Grundwerte, die unsere menschlichen Beziehungen gelingen lassen: Kooperation, Wertschätzung, Zuhören, Empathie, Teilen, Helfen, Solidarität.
Dieser Widerspruch ist der katastrophale Konstruktionsfehler der Marktwirtschaft. Eine ökologisch und sozial nachhaltige (Markt-)Wirtschaft sollte auf Gemeinwohl statt auf Gewinn bauen und auf Kooperation statt Konkurrenz. Gemeinwohl ist das unumstrittene Endziel des Wirtschaftens, und Kooperation motiviert Menschen erwiesenermaßen stärker als Konkurrenz – auch wenn an so gut wie allen Wirtschaftsuniversitäten der Welt heute (noch) das Gegenteil gelehrt wird.
In der von zahlreichen Unternehmen mit mir gemeinsam entwickelten "Gemeinwohl-Ökonomie" würden Unternehmen in der Hauptbilanz anstelle des Finanzgewinns ihren Beitrag zum Gemeinwohl darstellen: soziale Verantwortung, ökologische Nachhaltigkeit, demokratische Mitbestimmung und Solidarität. Für gegenseitige Hilfe und Solidarität würden sie belohnt.
Wenn das Ziel von Unternehmen nicht mehr der Finanzgewinn ist, lösen wir damit eine positive Kettenreaktion aus:
- Der Wachstumszwang entfällt, weil man nicht mehr andere fressen muss, um überleben zu können.
- Dadurch entspannt sich die gegenwärtige "Kontrakurrenz", in der sich heute oft nicht der Bessere durchsetzt, sondern der Skrupellosere oder Mächtigere.
- Die Manipulation der KonsumentInnen durch Werbung und Marketing sowie die Erschaffung künstlicher Bedürfnisse entfällt, wenn nicht mehr der (maximale) Unternehmensgewinn das Ziel ist, sondern das Wohl aller.
- Kapital wird zum Mittel und soziale und ökologische Verantwortung zum neuen Unternehmenszweck.
Damit sind wir den leidigen Widerspruch los, dass wir von prinzipiell gewinnorientierten (eigennützigen) Unternehmen paradoxerweise soziale und ökologische Verantwortung erhoffen. In der Gemeinwohl-Ökonomie wird dieses Verhältnis umgekehrt: Je verantwortlicher, solidarischer, gemeinnütziger und nachhaltiger Wirtschaftsakteure sich verhalten (= je "erfolgreicher" sie nach der neuen Bedeutung und Bilanz sind), desto stärker genießen sie rechtliche Vorteile in Bezug auf Steuern, Zölle, öffentlichen Einkauf und Kredite (bei der Gemeinwohlbank). Wir sollten die Werte, die sich in zwischenmenschlichen Beziehungen bewähren, auch im Wirtschaftsleben kultivieren und belohnen.
Christian Felber
Christian Felber: geboren 1972, österreichischer Hochschullehrer, Buchautor, freier Publizist und Referent zu Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen. Seit Herbst 2008 ist Christian Felber Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist Gründungsmitglied und aktueller Sprecher der Globalisierungskritischen Bewegung attac in Österreich.
Zuletzt erschienene Bücher: 50 Vorschläge für eine gerechtere Welt (2006), Neue Werte für die Wirtschaft (2008) und Kooperation statt Konkurrenz. 10 Schritte aus der Krise (2009).
Nähere Infos: www.christian-felber.at/buecher.php
"Wertewende zu Solidarität und Gemeinwohl"
Vortrag mit Christian Felber am 3. Mai 2010 in Bozen
Auf Einladung des KVW-Bildungsreferats, attac Südirol, der OEW und dem Amt für Weiterbildung wird Christian Felber im Mai zu Gast in Bozen sein. Er wird am 3. Mai um 20.00 Uhr im Pastoralzentrum einen Abend zum Thema "Wertewende zu Solidarität und Gemeinwohl" gestalten.
Nähere Informationen erteilt das KVW Bildungsreferat Meran, Tel. 0 473 220 381.


