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04/12/2007
Recht auf „geistige“ Nahrung - Nasrin Siege auf Lesereise im Eisacktal
Vom 15. bis 20. Oktober 2007 war die bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin Nasrin Siege auf Lesereise in Südtirol. Im Rahmen ihres Aufenthalts nahm sie auch den Betrag von 4.000 Euro in Empfang, den Kinder aus dem Bezirk Brixen bei der heurigen Sommerleseaktion „erlesen“ hatten. Das Geld kommt Nasrin Sieges Staßenkinderprojekt in Madagaskar und den Verein „Hilfe für Afrika“ zugute.

- OEW:
- Der heurige Lesesommer des Bibliotheksbezirkes Eisacktal und der OEW stand unter dem Motto „Lesen für eine Welt“. Was hält Nasrin Siege davon?
- Nasrin Siege:
Das ist eine ganz, ganz tolle Idee! Kinder wurden zum Lesen motiviert und gleichzeitig wurde ihnen bewusst gemacht, dass sie mit dem, was sie lesen, sich erlesen, etwas Gutes tun. Das ist eine tolle Sache!
- OEW:
- Die Kinder in Brixen und Umgebung haben insgesamt an die 8.000 Bücher gelesen, das heißt, es kam eine Summe von 4.000 Euro zusammen. Was geschieht mit dem Geld?
- Nasrin Siege:
Ein Großteil des Geldes – das sind 3.200 Euro - wird die OEW dem Verein „Hilfe für Afrika“ in Deutschland überweisen. Das ist der Verein, mit dem ich verschiedene Projekte in Tansania und Madagaskar unterstütze. Dieses Geld soll dem Buchprojekt, für das „Hilfe für Afrika“ die Finanzierung vorgestreckt hatte, der kleinen Dorfschule in Madagaskar und schließlich - falls noch etwas übrig bleibt - den anderen Projekten des Vereins zugute kommen.
800 Euro nehme ich in bar mit nach Madagaskar. Dort soll mit diesem Geld die kleine Bibliothek in Antohomadinika renoviert werden.
- OEW:
- Ihre Projekte wie das Buchprojekt oder die Straßenbücherei entsprechen eigentlich so gar nicht dem Bild, das man gemeinhin von „Entwicklungshilfe“ hat. Sie stellen Menschen, die auf der Straße leben und oft nicht einmal das Nötigste zum Überleben haben, Bücher zur Verfügung. Macht das Sinn?
- Nasrin Siege:
Man kann natürlich sagen, dass erst einmal die Grundbedürfnisse wie Ernährung, gesundheitliche Versorgung und ein Dach über dem Kopf befriedigt werden sollten. Dabei sollte man aber nicht das Bedürfnis und das Recht des Kindes nach Bildung vernachlässigen.
Wenn wir diesen Kindern wirklich helfen wollen, müssen wir ihnen auch zu ihrem Recht auf die „geistige“ Nahrung verhelfen ... Kinder, die zu den ärmsten Gruppen der Bevölkerung gehören, haben keinen Zugang zu Büchern und die Straßenbücherei ermöglicht ihnen zumindest einen kleinen Weg zu Büchern.
- OEW:
- Ist das Recht auf Bildung in Madagaskar nicht gesetzlich verankert?
- Nasrin Siege:
In Madagaskar gibt es eine gesetzlich verankerte Schulpflicht. Doch der Schulbesuch ist für viele Kinder nicht immer selbstverständlich. Häufig ist der Schulverlauf gestört oder die Kinder fangen erst gar nicht an zur Schule zu gehen: Sie müssen in der Familie mithelfen, oder das Geld für Schulmaterial und Uniformen fehlt, oder die nächste Schule befindet sich viel zu weit weg vom elterlichen Dorf, oder die für die Schul-Registrierung erforderlichen Dokumente wie Geburtszeugnisse fehlen.
- OEW:
- Das Erzählen, die mündliche Überlieferung von Mythen und Geschichten spielt in vielen Kulturen eine große Rolle. Kann es sein, dass diese Tradition in Großstädten verloren geht und versuchen Sie mit dem Projekt „Straßenbücherei“ dem entgegenzuwirken?
- Nasrin Siege:
Ich denke schon, dass die Erzählkultur in der Großstadt gefährdet ist. Hier treffen sich Menschen von überall aus dem Lande. Sie sind sich fremd. Eltern haben keine Zeit zum Geschichten erzählen, das Leben ist viel schnelllebiger als im Dorf und die intime Atmosphäre der Großfamilie fehlt.
Auch aus diesen Gründen sind die Straßenbücherei und die Bibliothek im Armenviertel wichtig. So haben die Kinder Zugang zu Geschichten, die ihnen normalerweise und traditionell die Älteren in der Dorfgemeinschaft erzählen würden ...
- OEW:
- Werden Kinder durch das Vorlesen dazu animiert, besser lesen zu lernen?
- Nasrin Siege:
Ich denke, dass das bei fast allen Kindern, egal aus welchem Land oder Kontinent, der Fall ist.
- OEW:
- Sie bieten mit ihrem Verein „Hilfe für Afrika“ zahlreichen Menschen in Afrika Unterstützung an. Wie soll zeitgemäße Hilfe ausschauen?
- Nasrin Siege:
Ich kann nur von dem Verein „Hilfe für Afrika“ sprechen. Uns ist es wichtig, den Menschen in den Projekten und Initiativen zunächst einmal zuzuhören, um ihre Vorstellungen und Ideen zur Bewältigung ihrer Probleme zu erfahren. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Menschen, um die es in den Projekten geht – unsere Zielgruppe sind Menschen, die in extremer Armut leben - genau wissen was sie brauchen. Sie haben eigene Ideen und Vorstellungen zur Lösung ihrer Probleme.
Menschen, die in extremer Armut leben, definieren Armut vor allem mit dem Gefühl von Ausgeschlossensein aus der Gesellschaft. Sie haben keinen Zugang zu Entscheidungsträgern, sie fühlen sich machtlos und außerhalb der übrigen Gesellschaft. Hier setzt unsere Hilfe an: Wir setzen uns zusammen, diskutieren miteinander und schauen gemeinsam, wie unser Beitrag aussehen kann und was sie dazu beitragen können, damit ihr Projekt mit seiner Arbeit starten kann. Dabei ist es uns wichtig, dass keine Abhängigkeiten aufgebaut werden und die Initiativen nach einer bestimmten Periode beziehungsweise nach definierten Projektzielen auf eigenen Füßen stehen.
- OEW:
- Es gibt Bemühungen, Afrika aus den negativen Schlagzeilen zu bekommen. Wie stehen Sie dazu?
- Nasrin Siege:
In manchen Romanen wird Afrika romantisiert dargestellt, als ein Kontinent, wo die Sehnsucht nach Abenteuer, nach Exotik gestillt werden kann. Daneben gibt es das andere Bild von Afrika, das von Meldungen über Armut, über Aids, über Krieg und Kindersoldaten geprägt ist. Die meisten Bilder über Afrika sind übertrieben und die Sprache, mit der wir von Afrika sprechen, ist verallgemeinernd.
Vielleicht sollten wir mit dem Gebrauch der Worte beginnen, um Afrika aus den negativen Schlagzeilen zu bekommen: Afrika ist ein Kontinent mit verschiedenen Ländern, mit eigenen Kulturen, Sprachen und Problemen. Ich denke, wir sollten erst einmal damit beginnen, uns von Verallgemeinerungen frei zu machen und uns differenzierter mit diesem Kontinent und seiner Vielfalt befassen.
- OEW:
- Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Marion Treibenreif, Oberschullehrerin in Brixen, Mitglied der OEW-Arbeitsgruppe „Bibliothek“


