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10/09/2007
Chinesen in Südtirol: ein Einblick
Die chinesische Gemeinschaft in Südtirol, die laut Astat im Jahre 2005 rund 350 Menschen umfasste, ist nicht mehr dieselbe, die vor Jahren auf der Suche nach einer gesicherten Existenz ihre Heimat verlassen hat. Heute sind wir mit einer Gemeinschaft konfrontiert, die bereits in ihrer Heimat Handel betrieben hat. Diese Leute haben schon in ihrer Heimat vom Ausland gehört oder etwas davon gelesen, genug um zu hoffen, dass Auswandern ihre Lebenslage verbessern würde.

Chinesen, die in Südtirol leben, haben einen unterschiedlichen Bezug zu ihrer Heimat China. Die meisten von ihnen sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, wobei sich Männer und Frauen die Waage halten. Bevor der Entschluss gefasst wird, die Heimat zu verlassen, müssen die Familien oft harte Kompromisse eingehen. Die meisten Emigranten sind arbeitswillige junge Leute, die an eine bessere Zukunft glauben. Sie gehören einer stabilen Mittelschicht an; viele von ihnen haben studiert. Sie arbeiten als Kellner, Köche, Verkäufer, Raumpfleger, Kassenbeamte ... Arbeiten, von denen es genug zu geben scheint, die jedoch wenig Spielraum und Entfaltungsmöglichkeiten lassen. Dieses Schema wird jedoch von den Chinesen selbst reglementiert. Die chinesische Familie ist nämlich in so genannte Guanxi strukturiert: Verwandtschaften, die wie Netzwerke funktionieren. Neuankömmlinge sind Menschen mit einem prädefinierten Verbesserungsprofil. Die Guanxi vermitteln Kontakte und Mittel, um nach Italien zu kommen und sich dort aufzuhalten zu können, die Neuankömmlinge müssen in Italien jedoch eine vorgefertigte Rolle einnehmen.
Die chinesische Gemeinschaft garantiert jedem, der neu ankommt, eine Beschäftigung. Wenn eine Gruppe junger Leute nach Italien kommt, dann wendet sie sich direkt an die Bezugsperson, zum Beispiel einen Verwandten. Die jungen Leute werden dann „begleitet“: Bei ihrer Ankunft werden sie empfangen, ein Arbeitsplatz und ein Schlafplatz wird ihnen vermittelt und sie werden über alle Voraussetzungen für einen Aufenthalt informiert.
Sehr wenige Chinesen arbeiten außerhalb ihrer familiären Netzwerke. Ein Grund dafür ist die sprachliche Barriere. Ein weiterer Grund ist die Hilfe, die Verwandte beim Erledigen von Behördengängen leisten. Aber der Hauptgrund liegt in dem tiefen Verwurzeltsein in der eigenen Familie und dem eigenen Freundeskreis. In der chinesischen Kultur ist die Familie das wichtigste Band der Gesellschaft. Die familiäre Struktur spiegelt sich in der Struktur der Gesellschaft. Jedes einzelne Glied dieser Kette spielt eine entscheidende Rolle in der Gemeinschaft. Die chinesische Gemeinschaft in Südtirol ist äußerst selbständig, sie bedient sich kaum der sozialen oder wirtschaftlichen Organisationen oder Hilfseinrichtungen unseres Landes. Sie könnte daher auch als Parallelgesellschaft gesehen werden.
Eine familiäre Struktur, die so reibungslos funktioniert wie ein Unternehmen, ist zum Beispiel eine fünfköpfige Familie, die in Reischach ein Restaurant eröffnet hat. Die Familie führt das Restaurant in Eigenregie: sie kocht, bedient und putzt. Die Arbeit jedes Familienmitgliedes ist gleichwertig: Jede Arbeit ist wichtig für das reibungslose Funktionieren des Unternehmens. Jeder verfolgt dasselbe Ziel: das Wohlbefinden aller.
Es ist nicht leicht einen Chinesen zu finden, der keine Zukunftspläne hat. Jeder Arbeitstag hat einen Zweck: die Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein chinesischer Freund sagt in Bezug auf seine Zukunftspläne: Ich werde ein schöneres Leben führen. Ich werde von zu Hause weg ziehen, um eine bessere Arbeit zu finden und eine Frau zu treffen.
Sie fliegen, fahren mit dem Zug und manchmal ergreifen sie sogar die Flucht zu Fuß, überqueren Grenzen, gehen lange und steinige Wege. Sie sind auf der Suche nach Ländern, in denen sie problemlos eine Handelstätigkeit ausüben können. Sie möchten optimale Ausgangsbedingungen für das Eröffnen einer Handelstätigkeit und für den Erhalt dieser Tätigkeit. Sie suchen ökonomische Stabilität für ihre Familie und Verwandten. Sie erwerben das wirtschaftliche Know-how, um international wettbewerbsfähig zu sein.
Die größte Hoffnung besteht in der Verbesserung des ökonomischen Status in China. Ansonsten erhoffen sich die Chinesen zumindest die Vorteile nutzen zu können, die Südtirol jungen Leuten, die in der EU geboren sind, gewährt. Südtirol ist für seine hohe Lebensqualität bekannt. Das empfinden sowohl die Chinesen, die schon längere Zeit in Südtirol leben, als auch die Neuankömmlinge.
Es ist weder leicht Migrant noch Emigrant zu sein. Obwohl sich die Chinesen der schwierigen Lage bewusst sind - oder manchmal auch nicht, beschließen sie ihr Land zu verlassen. Sie nehmen in Kauf, schwere Zeiten durchzustehen, weil sie an eine bessere Zukunft glauben. Selbsterwartung und die Erwartungen der Familie spielen dabei eine wesentliche Rolle. Sie hoffen, dass zumindest einer von ihnen erfolgreich ist, aber dass die Früchte dieses Erfolgs von allen getragen werden, hauptsächlich von jenen, die das Projekt unterstützt haben, wie Familie, Verwandte und andere Mitglieder der Gemeinschaft. Nachdem sie ausgewandert sind, können sie eine neue Rolle in der Gesellschaft spielen, aus der sie kommen: Erfolgsfiguren, die als Idole angesehen werden. Diese Menschen wirken sich positiv auf den Unternehmergeist und den Wunsch nach wirtschaftlichen Wachstum aus.
Des öfteren werden Mikrounternehmen von jungen Leuten geführt. So zum Beispiel ein Unternehmen im ersten Stock eines Hauses in Lana. Die Besitzer des Restaurants Asia Point 51 sind ein junges Paar, das zu jeder Zeit seine Gäste bedient. Sie haben das Restaurant neu eingerichtet und Elemente ihrer eigenen Kultur der Tiroler Einrichtung hinzugefügt (religiöse Ikonen, originelle Möbel aus Asien, ein Webstuhl, Lehmsteine). Sie haben das gesamte Kapital investiert, welches sie in Europa angesammelt haben. Sie sehen zwar sehr jung aus, wissen aber nach jahrelanger Erfahrung in dieser Branche genau, was sie tun.
Es gibt auch Chinesen, die einen gewissen sozialen Status in Brixen erreichen. So geht es Chen Hao-Alessandro, 9 Jahre alt, der erste Chinese, der in Brixen geboren wurde. Er gehört zu jener jungen Generation, die sich in die Gesellschaft Südtirols integriert. Diese Generation ist täglich mit Südtirolern in Kontakt und spricht Chinesisch, Deutsch und Italienisch. ChenHao-Alessandro hat eine sehr enge Beziehung zu Südtiroler Kindern, er besucht das Vinzentinum in Brixen und fühlt sich, wie er selbst sagt, sowohl als Chinese als auch als Südtiroler.
In der Hoffnung, Erfolg zu haben, setzten Chinesen alles daran ihre Zukunftserwartungen zu erfüllen. Im festen Glauben, die Möglichkeiten zur Erfüllung ihrer Träume zu finden, leben sie ihr Leben in einem fremden Land, aber manchmal in einer nicht so fremden Gesellschaft.
Martha Jiménez-Rosano
Martha Jiménez-Rosano: Doktortitel in Informationsdesign und gebürtige Mexikanerin, hat in Mexiko und Bielefeld studiert und verwaltet Informationssysteme und betreibt Sozialforschung durch die Anwendung der Bilder. Sie lebt und arbeitet in Brixen seit 2005.
Für Informationen und Kommentare: martha.jimenez@cuartel.de
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