Du bist hier: Startseite, Archiv, Monatsthemen, Beitrag.
03/04/2006
Der Weltorganhandel
In der Ausgabe der US-amerikanischen New Jersey Times von Weihnachten 1983 erschien folgende Anzeige (zitiert nach Lamb 1990: 134):
Niere zu verkaufen
Von 32jähriger, weißer, gesunder Frau. Zuschriften an Postfach ...
Einige Jahre zuvor war in der Los Angeles Times folgendes zu lesen gewesen (zitiert nach Scott 1981: 1):
Augen zu verkaufen
Einzelpreis 50.000 Dollar. Verhelfen Sie ihren Liebsten zu neuer Sehkraft und Sie tun damit auch was Gutes!
Ernst gemeinte Zuschriften an ...
Trotz aller Auseinandersetzungen und Verbote werden weltweit jährlich Zehntausende von Organen gehandelt. Die Spender kommen aus Indien, Afrika, Lateinamerika und Osteuropa. Sie verkaufen ihre Organe, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, Schulden zu tilgen oder um ihre Ausbildung zu finanzieren.
In Ägypten kostet eine Niere heutzutage zwischen 10.000 und 15.000 Dollar oder den entsprechenden Gegenwert in Fernsehapparaten und anderen elektronischen Geräten (New York Times 23.12.1991: 1). In Indien kostet die Niere eines Lebendspenders 1.500, eine Netzhaut 4.000 und ein Stück Haut 50 Dollar. Indische und pakistanische Patienten, die unter ihrer Verwandtschaft keinen Organspender finden, bieten in Zeitungsanzeigen bis zu 4.300 Dollar für eine Niere (Time 17.06.1991: 61).
Schon 1987 warnten die europäischen Gesundheitsminister: Seine Organe zu spenden, ist unzweifelhaft eine zutiefst menschliche Geste. Ohne eine rechtliche Regulierung aber lauert hier eines der größten Risiken. Viele arme und reiche Länder haben es mit einem sich ausweitenden Organmarkt zu tun
.
Die Babykäufer
Für viele Paare, die sich an einen der US-amerikanischen Babymakler wenden, ist eine Leihmutter die letzte Hoffnung. Sie haben jahrelang mit ihrer Unfruchtbarkeit gekämpft und oft zahlreiche Methoden der High-Tech-Medizin ausprobiert. Ihre Geschichten sind durch die Medien gegangen, und so entstand der Eindruck, dass praktisch alle Klienten von Leihmüttern unfruchtbare Paare seien. Dem ist nicht so. Die Makler selbst berichten, dass unter ihren Kunden auch Paare waren, die aus gesundheitlichen oder beruflichen Gründen ganz einfach kein Kind austragen wollten. Auch unverheiratete Paare, einzelne Männer und schwule oder lesbische Paare zählten dazu (United States Congress 1988a: 269).
Leihmutter gesucht
die rechtmäßig das Kind eines sich liebenden, aber unfruchtbaren Paares austrägt. Bezahlung: 10.000 Dollar plus Auslagen.
Vertraulich. Blaue oder grüne Augen, Größe 155 bis 170 cm bevorzugt. Rufen Sie an!
Aber nicht nur die Mütter werden bei dieser Art Geschäft ausgebeutet. Opfer sind letztendlich auch die Kinder. Ihr Leben wird schon vor der Empfängnis verkauft und vertraglich geregelt. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind wird zerrissen und durch rechtliche Erwägung und vertragliche Einschränkungen ersetzt. Dem Vertragsrecht unterliegend, wird das Kind zu einer Ware wie irgendein hergestelltes Gut. Noch ist nichts über die psychologischen Auswirkungen auf die Kinder bekannt, die unter diesen Umständen zur Welt kommen, aber sie könnten möglicherweise verheerend sein.
Diese Kinder sind die Ware, an der die verstörenden Auswirkungen der Körperindustrie am offensichtlichsten werden. Der Verkauf von Kindern und die Umwandlung des Gebärens in ein kommerzielles Geschäft werden von vielen als eine der größten Bedrohungen der menschlichen Würde in unserer Zeit angesehen. Wie es die feministische Autorin Katha Politt ausdrückt: „Leihmutterschaft erniedrigt die Frauen durch die Entwertung von Schwangerschaft und Geburt, sie erniedrigt die Kinder, indem sie ihre Entstehung kommerzialisiert, sie erniedrigt die Armen, indem sie ihnen für ein Geschäft mit dem Teufel Spottpreise bietet.“ (zitiert nach Glamour, November 1991: 237).
Quelle: Ersatztteillager Mensch
von Andrew Kimbrell. Campus-Verlag, 1994


