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06/01/2006
Die Millenniumsziele
Im September 2000 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Millenniumsziele (MDG - Millennium Development Goals) zur Bekämpfung der Armut. Fünf Jahre später muss eine ernüchternde Bilanz gezogen werden: Das Erreichen dieser Ziele im gesteckten Zeitrahmen ist teils bereits zur Unmöglichkeit verdammt, teils sehr gefährdet, wenn nicht zusätzliche Anstrengungen unternommen werden.

Der UNO wird vielfach vorgeworfen, sich durch das Verabschieden dieser Ziele auch ein Programm zur eigenen Daseinsberechtigung beziehungsweise gegen ihre Glaubwürdigkeitskrise geschaffen zu haben und sich andererseits den Forderungen der neoliberalen Wirtschaftspolitik der Welthandelsorganisation WTO (World Trade Organization), der Weltbank und des IWF (Internationalen Währungsfonds) unterworfen zu haben.
Diese Wirtschaftsform setzt auf die Selbstregulierung der Märkte und den Freihandel auf der Basis dreier Grundsätze: a) Öffnung der Märkte, b) Abbau von Gesetzen, die Menschen und Natur schützen und c) Privatisierung in allen Bereichen, auch in sehr grundlegenden wie Wasser, Energie und Bildung.
So müssen Entwicklungsländer, um einen Kredit vom IWF zu erhalten, zuerst ihre Staatsausgaben für das Gesundheits- und Schulwesen stark kürzen, ihre Einfuhrzölle reduzieren, damit die USA und Europa überschüssige Agrarprodukte billig einführen können (dies führt zum so genannten Agrardumping: Lokale Produkte können mit den subventionierten Produkten aus den reichen Ländern nicht konkurrieren, die lokale Wirtschaft wird zerstört), sowie öffentliche und halböffentliche Einrichtungen im Bereich Wasser, Energie, Gesundheit privatisieren.
Die MDG sehen jedoch genau entgegengesetzte Maßnahmen vor, so dass sich ein fataler Widerspruch zwischen Entwicklungszielen und neoliberalen Forderungen ergibt.
Wir präsentieren im Folgenden kurz die acht Ziele und schauen uns an, inwieweit sie bisher umgesetzt wurden oder nicht.
Ziel 1
Beseitigung der extremen Armut und des Hungers: Die Zahl der Menschen, die von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben, soll um die Hälfte gesenkt werden. Der Anteil der Menschen, die unter Hunger leiden, soll um die Hälfte gesenkt werden.
In den Neunziger Jahren hat sich in vielen Regionen Armut statistisch gesehen verringert, allerdings nicht in den Reformstaaten des Ostens, in Zentralasien und Schwarzafrika. Die höchste Anzahl von Armen (Tagesverbrauch unter 1 Dollar) lebt in Südasien, aber der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung ist am höchsten in Schwarzafrika, wo für Millionen Menschen durch Bürgerkriege, kaum vorhandenes wirtschaftliches Wachstum und durch die Ausbreitung von HIV/Aids kaum ein menschenwürdiges Überleben möglich ist.
Der Tagesverbrauch pro Kopf von 1 US-Dollar ermöglicht gerade ein Überleben, doch mehr als eine Milliarde Menschen muss mit weniger auskommen. Im Jahr 2000 schätzte man, dass 2,7 Milliarden Menschen von weniger als 2 Dollar pro Tag das Auslangen finden mussten – das ist die Hälfte der Bevölkerung in den so genannten Entwicklungsländern.
Die positivsten Aussichten ergeben sich in der Pazifikregion und in Ostasien, die negativsten in Schwarzafrika.
Um 2015 wird sich – wenn sich der gegenwärtige Trend fortsetzt (gemessen an der 2-Dollar-Linie) - die Situation im Vergleich zu 1990 nur um 41% verbessern. Das Erreichen des ehrgeizigen Millenniumszieles 1 (Halbierung der Armut) ist damit ohne zusätzliche Anstrengungen gefährdet.
Ziel 2
Verwirklichung der allgemeinen Primärschulbildung: Alle Jungen und Mädchen sollen eine vollständige Grundschulausbildung erhalten.
In vielen Ländern ist die Einschreibungsrate für Kinder in die Volksschule zwar relativ hoch, doch häufig beenden die Kinder die Volksschule nicht; bei Mädchen ist das weitaus häufiger der Fall als bei Jungen.
Entsprechend einer Studie der Weltbank haben zwischen 1995 und 2001 nur in 37 von 155 Entwicklungsländern alle Jugendlichen eine weitgehend allgemeine Grundschulausbildung erreicht. Basierend auf den aktuellen Trends werden 32 weitere Länder dieses Ziel erreichen. Falls aber keine zusätzlichen Anstrengungen getätigt werden, sind 70 Länder gefährdet, das Ziel nicht zu erreichen.
In zahlreichen Ländern hat die Rate der Volksschulabschlüsse in den vergangenen Jahren sogar stagniert, beziehungsweise ist zurückgegangen. Während die große Mehrheit der Entwicklungsländer genügend Grundschulen aufgebaut haben, gelingt es in etwa nur zu einem Viertel, alle SchülerInnen durch die Grundschulausbildung zu bringen.
In drei Regionen - Ostasien und Pazifik, Europa und Zentralasien, Lateinamerika und Karibik - könnte das Ziel erreicht werden. In weiteren drei Regionen mit insgesamt circa 150 Millionen Kindern im Grundschulalter besteht die Gefahr, dass das Ziel nicht erreicht wird, wobei Schwarzafrika am weitesten zurückliegt, aber auch der Mittlere Osten/Nordafrika und Südasien wenig Fortschritt aufweisen.
Ziel 3
Förderung der Gleichheit der Geschlechter und Stärkung der Position der Frauen: In der Grund- und Mittelschulausbildung soll bis zum Jahr 2005 und auf allen Ausbildungsstufen bis zum Jahr 2015 jede unterschiedliche Behandlung der Geschlechter beseitigt werden.
Der Unterschied in der Schulausbildung zwischen den Geschlechtern ist in vielen Ländern Afrikas und Südasiens beträchtlich, wobei die Unterschiede dort am stärksten sind, wo die niedrigsten Volkschulabschlussraten (vergleiche Ziel 2) und die niedrigsten Durchschnittseinkommen (vergleiche Ziel 1) gemessen werden. In Schwarzafrika hat sich die geschlechterspezifische Einschulungsrate seit 1990 kaum, in Südasien dagegen etwas besser entwickelt.
Jüngste Daten und Schätzungen zeigen eine Verbesserung der Situation, aber abgesehen von Lateinamerika und der Karibik sind noch alle anderen Regionen vom für das Jahr 2005 gesetzten Ziel, in der Grund- und Mittelschulausbildung jede unterschiedliche Behandlung der Geschlechter zu beseitigen, entfernt.
Ziel 4
Senkung der Kindersterblichkeit: Die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren soll um zwei Drittel gesenkt werden.
Kindersterblichkeit ist eng mit Armut verbunden. In jenen Ländern, die von der UNO als „Länder mit niedrigem Einkommen“ beschrieben werden, liegt die Kindersterblichkeit (unter 5 Jahren) bei 121 Todesfällen auf 1.000 Lebendgeburten, in „Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen“ bei 41, in „Ländern mit mittlerem bis hohem Einkommen“ bei 27 und in „Ländern mit hohem Einkommen“ bei weniger als 7.
In 70% der Todesfälle vor Vollendung des fünften Lebensjahres liegen die Ursachen bei einer Kombination von Unterernährung und Krankheiten, die in Ländern mit hohem Einkommen verhältnismäßig rasch behandelt werden könnten: Tuberkulose, Durchfall, Masern und Malaria. 2001 hatten 47 Länder Kindersterblichkeitsraten von höher als 100 (auf 1.000 Lebendgeburten), 10 Länder – 8 davon in Schwarzafrika – sogar höher als 200.
Kaum eine Region, sieht man von Lateinamerika und der Karibik ab, ist dabei, das Ziel für 2015 zu erreichen. Besonders in Schwarzafrika, wo Bürgerkriege und die HIV/Aids-Epidemie Sterberaten in die Höhe treiben, ist die Entwicklung gefährdet.
Ziel 5
Verbesserung der Gesundheit von Müttern: Die Müttersterblichkeit soll um drei Viertel gesenkt werden.
Die hohe Rate der Müttersterblichkeit in allen Entwicklungsländern ist einerseits ein Ergebnis dauernder Missachtung frauenspezifischer Gesundheitsprobleme, speziell unter den Allerärmsten, aber auch eine völlig unzureichende Hilfestellung bei der Geburtsvorbereitung und während der Geburt.
In Lateinamerika, wo der Anteil der Frauen, die geschulte Geburtshilfe in Anspruch nehmen können, relativ hoch ist, ist die Müttersterblichkeit niedrig. Dagegen ist die Müttersterblichkeit in Afrika, wo kaum geschultes Gesundheitspersonal oder entsprechende Einrichtungen zur Verfügung stehen, sehr hoch.
Zur Herabsetzung der Müttersterblichkeit sind notwendig:
- eine Verringerung der Anzahl der Schwangerschaften durch verbesserte Kenntnisse über Verhütungsmethoden und Familienplanung;
- eine möglichst rasch verfügbare Nothilfe: Es wäre wichtig, wenn bei jeder Geburt eine Hebamme oder ein Arzt anwesend wäre. In Entwicklungsländern ist nur etwa bei jeder zweiten Geburt eine professionelle Hilfe gegeben;
- Lebensrettende Interventionen, Verfügbarkeit von Antibiotika, beziehungsweise rascher Transport zu ausgestatteten Gesundheitsstationen oder Kliniken sind für viele Frauen, besonders in einer ländlichen Umgebung, nicht möglich. Ursachen dafür sind: zu wenig Geldmittel für Gesundheitsfürsorge, keine Transportmöglichkeiten oder einfach die Weigerung des Gatten, Hilfe zu holen.
Ziel 6
Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und anderen Krankheiten: Die Ausbreitung von HIV/Aids soll zum Stillstand gebracht und zum Rückzug gezwungen werden. Der Ausbruch von Malaria und anderer schwerer Krankheiten soll unterbunden und ihr Auftreten zum Rückzug gezwungen werden.
2002 waren 42 Millionen Erwachsene und 5 Millionen Kinder mit HIV/Aids infiziert – davon 95% in Entwicklungsländern und 70% in Schwarzafrika. Es gab fast 1 Million Neuinfektionen in Süd- und Ostasien, wo heute mehr als 7 Millionen Infizierte leben.
Wenn nicht eine weltweite effektive Kampagne begonnen wird, wird es Berechnungen von UNAIDS (Joint United Nations Programme on HIV/Aids) zufolge zwischen 2002 und 2010 zusätzlich 45 Millionen Menschen in Entwicklungsländern geben, die mit dem HIV-Virus infiziert sein werden.
Aufklärung der Jugend muss an erster Stelle bei der weltweiten Bekämpfung von HIV/Aids stehen, denn Aufklärung ist die effektivste – und auch kostengünstigste – Präventivmaßnahme.
An Tuberkulose sterben im Jahr 2 Millionen Menschen weltweit. Resistente Tuberculosis – Stämme, eine weltweit steigende Anzahl von Migranten und Flüchtlingen und Mangelernährung in den ärmsten Entwicklungsländern haben zu einer weiten Verbreitung von verschiedenen Tuberkulose-Erkrankungen geführt. Jährlich rechnet man mit 8 Millionen neuen Fällen, davon 2 Millionen in Schwarzafrika und 3 Millionen in Südostasien. Durch eine spezielle von der Weltgesundheitsorganisation entwickelte Behandlungsstrategie kann ein sehr hoher Prozentsatz an Heilungschancen (bis zu 95%), sogar in sehr armen Ländern, erreicht werden.
Ziel 7
Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit: Die Grundsätze der nachhaltigen Entwicklung sollen in die nationale Politik übernommen werden; dem Verlust von Umweltressourcen soll Einhalt geboten werden. Die Zahl der Menschen, die über keinen nachhaltigen Zugang zu gesundem Trinkwasser verfügen, soll um die Hälfte gesenkt werden. Bis zum Jahr 2020 sollen wesentliche Verbesserungen in den Lebensbedingungen von zumindest 100 Millionen Slumbewohnern erzielt werden.
Naturschutzgebiete dienen der Erhaltung der Biodiversität. Darunter versteht man die Vielfalt des pflanzlichen und tierischen Lebens auf der Erde, die genetische Vielfalt innerhalb der Arten und der unterschiedlichen Ökosysteme. Menschliche Aktivitäten verursachen Verluste dieser Vielfalt, die fünfzig- bis hundertmal rascher vor sich gehen, als wenn es den Menschen nicht geben würde.
Als Reaktion auf den zunehmenden Druck auf die natürlichen Ressourcen sind zahlreiche internationale Abkommen unterzeichnet worden. Der am meisten gewählte Weg ist die Kennzeichnung bestimmter Gebiete als Schutzzonen, beziehungsweise Nationalparks. Die Gesamtfläche solcher Schutzgebiete hat in den vergangenen 30 Jahren weltweit stark zugenommen.
Voraussetzungen, um Krankheitsrisiken zu vermeiden beziehungsweise zu verringern, sind hygienische Lebensbedingungen, das heisst vor allem Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen. Eine sanitäre Grundversorgung bedeutet auch effektive Entsorgungseinrichtungen, um den Kontakt mit Exkrementen durch Mensch, Tier und Insekten zu vermeiden. Einfache Entsorgungssysteme verhindern aber noch lange nicht das Eindringen schädlicher, flüssiger Substanzen in die Umwelt.
Zwischen 1990 und 2000 hat sich der Zugang zu sauberem Trinkwasser weltweit um 10% verbessert. Dennoch hatten im Jahr 2000 etwa 2,4 Milliarden Menschen (davon etwa 80% in Asien) keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen. Insbesondere der Unterschied zwischen ländlichen und urbanen Gebieten ist beträchtlich, mit nur etwa 25% der ländlichen und etwa 70% der urbanen Bevölkerung mit Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen.
Wenn das Ziel für 2015 (Die Zahl der Menschen, die über keinen nachhaltigen Zugang zu gesundem Trinkwasser verfügen, soll um die Hälfte gesenkt werden
) erreicht werden soll, müssen 1,7 Milliarden Menschen zusätzlich versorgt werden: Eine Herausforderung, die effektive Versorgungsprogramme und enorm hohe Geldmittel benötigt.
Ziel 8
Eine globale Partnerschaft im Dienst der Entwicklung schaffen: Ein offenes Handels- und Finanzsystem, das auf festen Regeln beruht, vorhersehbar ist und nicht diskriminierend wirkt, soll weiter ausgebaut werden. Auf die besonderen Bedürfnisse der am wenigsten entwickelten Länder muss entsprechend eingegangen werden. Die Schuldenprobleme der Entwicklungsländer mit niedrigen und mittleren Einkommen müssen durch Maßnahmen auf nationaler und internationaler Ebene umfassend und wirksam angegangen werden, damit ihre Schulden auf lange Sicht tragbar werden.
Entwicklungszusammenarbeit ist eine Möglichkeit, die Ungleichheiten zwischen reichen und armen Ländern zu vermindern. Armutsbekämpfung ist dort am erfolgreichsten, wo sie in partnerschaftlicher Form stattfindet und sich die Partnerländer durch eine soziale und gerechte Politik (good governance) auszeichnen.
Zwar haben in den vergangenen 7 Jahren Geldmittelflüsse der internationalen Entwicklungszusammenarbeit in die ärmsten Länder zugenommen, allerdings gingen nur 56% aller Hilfsgelder in die Staaten mit niedrigem Einkommen. Man schätzt, dass es mindestens einer Verdoppelung der jährlichen Finanzmittel (ODA) von gegenwärtig circa 52 Milliarden US-Dollar bedarf, um die Millenniumsziele in den ärmsten Ländern zu erreichen.
Unter ODA (Official Development Assistance) versteht man die Öffentliche Entwicklungshilfe, das beinhaltet also jene Leistungen, die von den staatlichen Stellen eines Landes gewährt werden. Seit Jahrzehnten gilt das Versprechen aller Industrieländer, 0,7 Prozent des Bruttoinlandproduktes für Entwicklungshilfen zur Verfügung zu stellen. Diese Marke übertreffen nur Dänemark, Norwegen, die Niederlande und Schweden. Insgesamt haben sich in diesem Zeitraum die Finanzmittel internationaler Geberländer verringert, sowohl absolut als auch relativ zur eigenen Wirtschaftsentwicklung.
Marlene Mussner
Weitere Infos:
www.8goals4future.at || www.suedwind-magazin.at
Bildquellen
zur Einführung: Plantu: Umarmungen - Terre des Hommes, 1980
zu den Zielen: Sabine Christiansen, Peter Ustinov: Für jedes Kind - Ullstein, 2003


