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06/11/2005

"Wollt ihr den totalen Krieg?" - Gewalt und Verführung der Medien im NS-Staat

Das nationalsozialistische Regime in Deutschland erwies sich von Anfang an als Meister der Meinungslenkung. Seine Führungsspitze hatte früh begriffen, welche Bedeutung einer gezielten Propaganda und einer stillen Beeinflussung der Medien zukam und startete seit Frühjahr 1933 konsequent mit der Gleichschaltung von Presse, Rundfunk und dem Aufbau eines machtvollen Propagandaapparats.

Goebbels im Lustgarten in Berlin. Er spricht stehend vor einer zahlreichen Menschenmenge.

Hauptregisseur der Meinungsmache war Joseph Goebbels. Niemand verstand es so wie der frühere Gauleiter von Berlin, als Strippenzieher der öffentlichen Meinung aufzutrumpfen, die führenden Redaktionen mit Drohung und Lockung auf seine Seite zu ziehen und sich als Einpeitscher des Regimes in Szene zu setzen. Goebbels war Reichspropaganda-Leiter der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei), Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und Präsident der Reichskulturkammer. Am 1. Mai 1945 endete seine Karriere durch Selbstmord, nachdem er mit seiner Frau Magda auch die eigenen Kinder vergiftet hatte.

Das Frühjahr nach der Machtergreifung begann mit einem Verbot der großen Zeitungen, die der Opposition, vor allem dem linken Lager, aber auch dem katholischen Zentrum nahe standen. Mit dem Schriftleitergesetz vom Oktober 1933 wurden die Chefredakteure der großen Blätter auf Parteilinie getrimmt und der Einfluss der Verleger zugunsten der NSDAP geschwächt. Die so genannte Berliner Pressekonferenz, das wichtigste Forum des deutschen Journalismus, wurde gleichfalls gefügig gemacht und zur täglichen Infusionsmaschine der Parolen und Themen des Regimes.

Denn nicht spektakuläre Manipulation und offensichtliche Verdrehung sollten die öffentliche Meinung gefügig machen, sondern Umgestaltung, Hintergrundarbeit und Ausrichtung auf einen Kurs: Wir wollen gar nicht, dass jeder dasselbe Instrument bläst; wir wollen nur, dass nach einem Plan geblasen wird und dass dem Konzert der Presse eine Sinfonie zugrunde liegt, dass nicht jeder das Recht hat, zu blasen wie er will.

Für die Schalmeienklänge des Regimes sorgte ein ebenso gigantischer wie kleinlicher Überwachungsapparat. Hunderte von Beamten formulierten täglich Anweisungen an die Presse und überwachten ihre Einhaltung, vor allem auch in den Wochenschauen vor Filmaufführungen. So wurden nach dem deutschen Überfall auf Polen Reizwörter wie „Krieg“ systematisch vermieden, stattdessen die Abwehr polnischer Übergriffe in den Vordergrund gestellt. Und gegen Ende des Krieges versuchte man mit sorgfältig ausgewählten Durchhalteparolen und monströsen Goebbels-Auftritten (Wollt ihr den totalen Krieg?), die Illusion einer geschlossen-abwehrbereiten Volksgemeinschaft aufrechtzuerhalten.

In Südtirol, das seit dem 8. September 1943 von den deutschen Truppen besetzt war, war das neu erscheinende Bozner Tagblatt ein kleiner Spiegel gezielter Meinungs- und Stimmungsmache. Das braune Blatt mixte Nachrichten vom Heldentod junger Südtiroler mit aufwühlenden Erfolgsmeldungen und idyllischen Heimatbildern zu einem trüben Gebräu.

So wirkungsvoll Gleichschaltung und Lenkung der Presse und anderer Medien organisiert waren, so stießen Manipulation und Indoktrination auch an ihre Grenzen. Dies war ablesbar am gegen Kriegsende drastischen Leserschwund der Zeitungen, deren Uniformität und Langeweile nur mehr abstießen. Stattdessen hörte man lieber heimlich Radio London oder Beromünster, um sich ein reales Bild der Lage zu verschaffen.

Mit dem opferreichen Kriegsausgang, der langen Agonie des Großdeutschen Reiches, verflog die Wirkung der gesteuerten Medien. Zurück blieben Apathie und lähmendes Warten auf das Ende des Krieges. Dennoch hatte das NS-Regime ein wirkungsvolles Modell der Meinungskontrolle vorexerziert, von dem nach 1945 Diktatoren und Medienimperien manches lernen konnten – auch in demokratischen Gesellschaften.

Hans Heiss

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Goebbels


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