Navigation und Einstellungen

Inhaltsnavigation

Aktions-Links


Suche in der Homepage

Sicher spenden

Sicher spenden - Ovales Logo mit Nummer 0114.

Säcke voller Getreide und Hülsenfrüchten ...

Du bist hier: Startseite, Archiv, Monatsthemen, Beitrag.

04/10/2005

Täter? Opfer? - Erfahrungen mit den Kindersoldaten in Uganda

Robert Ochola-Lukwiya ist Comboni-Missionar und stammt aus Kitgum, Norduganda. Seit vier Jahren studiert er in Innsbruck. In seinem Dorf, seinem Verwandten- und Bekanntenkreis, wurde er wiederholt Zeuge von Kindesentführungen durch verschiedene Armeen. Die Kinder wurden anschließend zu Soldaten ausgebildet. Er erzählt uns, wie es den ehemaligen Kindersoldaten gelingt, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden und mit deren Hilfe die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Ein kleines Militärkind mit Uniform und Gewehr - im Hintergrund das Kindesheer.

Es ist nicht einfach, über Kindersoldaten zu schreiben. Ich selbst bin zwar keiner gewesen, aber ich bin Bruder, Onkel, Cousin und Freund von vielen, deren Brüder, Neffen, Nichten, Cousinen, Cousins und Freund/innen als Kindersoldaten verschleppt und zu Mordmaschinen gemacht wurden.

Damals, als ich noch jünger war (12 bis 16 Jahre alt), war es normal, Kinder zu sehen, die Gewehre tragen. Wir haben sie Kadogo (Swahili für die „Kleinen“) genannt. Die Welt hatte damals noch kein ehrliches Interesse an der Wirklichkeit in Uganda, sondern man sprach nur davon, wie fortgeschritten Uganda sei und welch ein Musterland Afrikas in Bezug auf Demokratie, Entwicklung und dem Kampf gegen HIV/Aids.

Wir Kinder, die lieber in die Schule gehen wollten als Kadogo zu werden, wurden verachtet, ausgelacht und nicht selten, wenn es den Kommandos so gefiel, einfach gezwungen, Kadogo zu werden. Ein Freund von mir mit dem Spitznamen Faida Lunede ist heute ein erwachsener Soldat, aber er wurde 1986 von dem damaligen Kommando in unserem Dorf verschleppt. Derartige Beispiele gibt es viele!

Jedes Kind kann es treffen

In meinem kleinen Dorf waren wir zehn Buben, die 1981 die Schule begonnen haben. Von uns sind heute nur noch drei am Leben. Die anderen sieben sind als Kindersoldaten im Krieg gefallen, einige bei Alice Lakwena, einige bei Josef Kony und einige nicht zuletzt bei der Regierungsarmee von Uganda. Von uns drei Lebenden ist einer von der Josef Konys Lord’s Resistance Army, LRA, („Widerstandsarmee des Herrn“) in den Sudan entführt worden und erst nach drei Jahren im Dienst der Rebellen konnte er von dort fliehen. Sein Name ist Alex Owor.

Als Alex 1998 heimkehrte (ich war zu dieser Zeit Philosophiestudent in Jinja, Uganda), war das keine einfache Zeit für ihn, denn die Familie war nicht mehr da (dieses Schicksal teilte er mit den meisten Kindersoldaten in Norduganda). Seine drei Brüder wurden mit anderen zwölf Dorfbewohnern im April 1997 von Regierungssoldaten unter dem Kommando von einem gewissen Matayo kaltblütig und grausam umgebracht. Das Dorf selbst wurde geplündert und wir alle mussten - damals kurzfristig, aber jetzt, seit 2002, langfristig - ins Flüchtlingslager, wo meine Verwandten bis heute sind.

Als ich Alex zum ersten Mal nach seiner Flucht wieder sah, hatte ich Angst vor ihm, meinem Freund, Altersgenossen und Klassen- und Dorfkollegen, denn er hat wild ausgesehen. Die Haare waren seit langem nicht mehr geschnitten worden, sein Körper bestand nur noch aus Haut und Knochen. Seine einzige „Kleidung“ war Schmutz!

Eine ähnliche Erfahrung machte ich mit meinem eigenen Bruder, als er 1990 mit anderen Rebellen von den Regierungssoldaten gefangen genommen wurde. Als wir, die Familienmitglieder, in die Stadt gingen um ihn zu empfangen, erschrak ich bei seinem Anblick. Ich erkannte nicht mehr meinen Bruder, mit dem ich einst zusammengelebt hatte. Von den Tränen, die wir vergossen haben, als die Regierung beschloss, ihn und die ganze Gruppe zwanghaft in die Armee zu integrieren und wir Abschied von ihm, meinem älteren Bruder, nehmen mussten, will ich hier nicht mehr schreiben, denn die Erinnerung tut immer noch so weh wie damals!

Gleiche oder ähnliche Erfahrungen haben wohl alle Betroffenen gemacht, denn die zurückkehrenden Kindsoldaten mussten sich wieder zurechtfinden, entweder in einer nicht mehr existierenden Gemeinde oder in einer, die zwar noch da, aber nicht mehr bereit war, jene Kinder als gleichwertige Mitglieder wieder aufzunehmen.

Die Kinder als Mordmaschinen mussten ja Schreckliches erleben, manchmal eigene Familienmitglieder umbringen, um ihr Überleben zu gewähren. Mein anderer älterer Bruder hatte nur Glück, dass die Rebellen, die 2002 meinen heute 12jährigen Neffen, seinen Sohn, verschleppen, keine Zeit mehr hatten, dem Kind den Befehl zu geben ihn zu töten – das hätte das Kind wohl endgültig entwurzelt.

Es ist immer noch ein schreckliches Schicksal, Kindersoldat werden zu müssen, obwohl wir heute sagen können, dass sich die Lage der heimkehrenden Kindersoldaten in Norduganda etwas verbessert. Es hat einen Prozess der Bewusstseinsänderung gegeben – Dank der Bemühung der Caritas und anderer NGOs vor Ort.

Seitens der Caritas der Erzdiözese von Gulu in Zusammenarbeit mit der Acholi Religious Leaders’ Peace Initiative (ARLPI) gibt es seit einigen Jahren eine Versorgung der heimkehrenden Kindersoldaten. In dem langfristig angelegten Programm zur Rehabilitation und sozialen Integration traumatisierter Kinder und Kriegsopfer erhalten die Betroffenen spirituelle, moralische und psychologische Betreuung mit dem Ziel der sozialen Integration.

Eine zentrale Rolle in dem basis- und gemeinschaftsorientierten Programm kommt den rund 500 Katechistinnen und Katechisten der Erzdiözese zu. Dies sind haupt- und nebenamtliche Laien im sozial-pastoralen Dienst der Kirche. In dem Programm werden die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu „Community Based Volunteer Counsellors“, zu ehrenamtlichen Gemeindeberatern, ausgebildet.

Für den Caritas-Direktor der Erzdiözese Gulu, John Felix Opio, einen Priester aus meinem Volk der Acholi, gibt es keinen geeigneteren Weg, keinen besseren Zugang und keinen passenderen Ansatz als über die Katechistinnen und Katechisten. Es sind Männer und Frauen, die die Verhältnisse und gesellschaftlichen Zusammenhänge und Traditionen in ihren Acholi-Dörfern am besten kennen. Sie sind deshalb in der Lage, die ehemaligen Kindersoldaten in den Dörfern ausfindig zu machen, die Hintergründe und Nöte der Kinder aufzuklären und die notwendigen Hilfsangebote in die Wege zu leiten.

Hauptaugenmerk wird darauf gelegt, dass die Dorfgemeinschaft die ehemaligen Kindersoldaten in erster Linie als Opfer sehen lernt und nicht als Täter, um einen gemeinschaftlichen Versöhnungsprozess einzuleiten, an dessen Ende, der christlichen und der Tradition der Acholi entsprechend, die rituelle und zeremonielle Wiederaufnahme in die Gemeinschaft stehen kann.

Wiederaufnahme ehemaliger Kindersoldaten in die Dorfgemeinschaft

Uganda - Zentralafrika

Der Verlauf der Feier der Wiederaufnahme ehemaliger Soldatenkinder in die (christliche) Gemeinschaft ist normalerweise so, dass sich die Leute mit dem Katechisten zur Begrüßung an der Dorfgrenze versammeln. Dann wird der traditionelle "Ritus des Drauftretens" begangen, bei dem der Rückkehrer ein Ei zertreten muss als Zeichen des Bruchs mit den zurückliegenden Erfahrungen und des neuen Anfangs. Dabei stimmt der Katechist ein Bittgebet an und besprengt das heimkehrende Kind mit Weihwasser, einem christlichen Zeichen der Reinigung.

Nach dem Vorlesen eines biblischen Textes hält der Katechist eine Predigt, in der es um Vergebung und Toleranz, Verständnis und Mitleid geht. Im Gemeindelied zum Abschluss der Versöhnungsfeier kommen Freude und Dankbarkeit über Rückkehr und Versöhnung zum Ausdruck. Die Gemeindemitglieder gehen nach Hause in der Gewissheit, dass sie alle den wieder aufgenommenen ehemaligen Kindersoldaten bei der weiteren Wiedereingliederung beistehen müssen. Dieser kann sicher sein, dass die Gemeinde ihm vergeben hat und er wieder willkommen ist in der Gemeinschaft.

Diese wird mit der bei den Acholi traditionellen Feier der Versöhnung, mato oput, ergänzt. Oput ist ein Baum, dessen Wurzel sehr bitter ist. Der Saft aus den Wurzeln wird zeremoniell von den Tätern und Opfern aus einem Gefäß zusammen getrunken, um symbolisch zu zeigen, dass die Bitterkeit der begangenen Sünde - meistens Mord - schon überwunden wird und Friede und Zusammenleben zwischen den Betroffen zurückkehren darf und soll.

In dem kirchlichen Wiedereingliederungsprogramm kommt es insgesamt darauf an, das Gefühl der Zugehörigkeit und der Zusammengehörigkeit (auf beiden Seiten) neu aufzubauen. Verwandte von Kriegswaisen werden dazu ermutigt die Kinder durch Adoption in ihre Familien aufzunehmen.

Kinder mit schlimmen körperlichen Verletzungen, denen zum Beispiel während der Rebellenzeit als Strafmaßnahmen Ohren abgeschnitten oder Arme abgehackt wurden, erhalten medizinische Hilfe. Besonders wichtig ist eine intensive psychologische und spirituelle Begleitung der Opfer. Berufs- und Schulausbildung wird angeboten.

Schwangere Mädchen, die von den LRA-Rebellen oder Militärs vergewaltigt und sexuell misshandelt wurden, können ihre Kinder in einer sicheren Umgebung zur Welt bringen. Ein intensives Beratungs- und Therapieangebot ist erforderlich, um den missbrauchten Kindmüttern zu helfen die schrecklichen Erfahrungen aufzuarbeiten und vielleicht trotz aller schrecklichen Erfahrungen ein liebevolles Verhältnis zu ihrem Kind aufzubauen.

Möge dieses Schreiben die Leser und Leserinnen motivieren, sich für die Bekämpfung des Einsatzes von Kindern als Soldat/innen einzusetzen.

Robert Ochola-Lukwiya

Bildquelle: Hans-Martin Große-Oetringhaus: Kinder im Krieg – Kinder gegen den Krieg - Verlag an der Ruhr, 1999


Diese Seite weiterempfehlen

Orientierung