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01/09/2005

Hunger ist kein Schicksal

Der Skandal

1995 schätzte die FAO (Food and Agriculture Organization - UNO-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung) die Zahl der weltweit „chronisch Hungernden“ auf 840 Millionen, die jüngsten Schätzungen belaufen sich auf 852 Millionen. Dabei hatten sich die FAO-Mitgliedstaaten 1996 auf dem Welternährungsgipfel in Rom das Ziel gesetzt, die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Doch wie schon in vergangenen Jahrzehnten zeigt sich auch diesmal, dass die demonstrierte Entschlossenheit an den entscheidenden Stellen nicht ernst gemeint ist.

Hungerverteilung 2000/2003 - Bevölkerungsanteil in % - graphische Weltkartendarstellung (siehe Daten in der Tabelle auf der Beitragsseite).

Es handelt sich bei diesen chronisch Hungernden um Menschen, die über einen längeren Zeitraum weniger als 1.800 Kalorien am Tag zu sich nehmen.

Chronischer Hunger führt zwar nicht immer direkt und unverzüglich in den Hungertod, beeinträchtigt die Entwicklung des Menschen aber entscheidend. Typische Folgen sind Kleinwüchsigkeit, Blindheit, Rachitis, ungenügende Entwicklung der Gehirnfunktionen, starke Anfälligkeit bei Krankheiten (Durchfall oder Masern können für vom Hunger Geschwächte bereits den Tod bedeuten).

Etwa 24.000 Menschen sterben täglich an Hunger und seinen Folgen. Die meisten von ihnen sind Kinder.

Ein Skandal sind diese Zahlen auch deshalb, weil weltweit mehr Nahrung produziert wird, als die Menschheit zum Sattwerden benötigt. Mit der gegenwärtigen landwirtschaftlichen Produktion könnten sogar 12 Milliarden Menschen ernährt werden (Jean Ziegler).

Das Problem ist also nicht die allzu gern zitierte „Überbevölkerung“. Es stimmt eben nicht, dass es das Schicksal der „zu vielen“ Menschen auf der Erde mit ihren knappen Ressourcen nun einmal sein muss, Hunger zu leiden. Das Problem liegt vielmehr im äußerst ungleichen Zugang zur Nahrung. Hunger ist kein Schicksal nannte sich bereits in den 80er Jahren eine Kampagne verschiedener Entwicklungsorganisationen.

„Struktureller Hunger“

Immer wieder berichten uns Medien von Hungerkatastrophen, ausgelöst durch Kriege oder Naturereignisse (auch „Naturereignisse“ wie Dürren, Desertifikationen oder Überschwemmungen können menschliche Ursachen haben, zum Beispiel den globalen Klimawandel). Es ist sicher eine wichtige Aufgabe für die Weltgemeinschaft, solchen Hungerkatastrophen durch Hilfslieferungen und medizinische Betreuung noch koordinierter und entschlossener als bisher entgegenzutreten.

Regionale Hungerverteilung 2000/2003
Land Zahl der Hungernden
in Millionen
Bevölkerungs-
anteil in %
Asien 519,0 16
Davon in China 142,1 11
Indien 221,1 21
Bangladesh 42,5 30
Lateinamerika 52,9 10
Davon in Nicaragua 1,4 27
Haiti 3,8 47
Bolivien 1,8 21
Subsahara Afrika 203,5 33
Davon in der dem. Rep.> Kongo 35,5 71
Äthiopien 35,8 46
Kenia 10,3 33
Sambia 5,2 49
GUS Staaten 24,1 9

Doch nur etwa 10% der 852 Millionen Menschen leiden an solchem konjunkturellen Hunger. Beim ganzen Rest handelt es sich um über Jahre und Jahrzehnte hinweg alltäglichen, strukturellen Hunger. Und der entfaltet seine Wirkung abseits aller Medienberichte. Ihn bekämpft man nicht einfach mit Hilfslieferungen, sondern mit einer gerechteren nationalen und internationalen Politik.

Vom „strukturellen“ Hunger sind prozentuell die afrikanischen Staaten südlich der Sahara am meisten betroffen. Wegen der weit höheren Bevölkerungszahlen in Asien gibt es dort aber absolut gesehen mehr Hungernde. Allein in Indien sind es mehr als im ganzen Subsahara-Afrika (siehe Tabelle).

Etwa zwei Drittel der Hungernden sind weiblich. Und das, obwohl 60 bis 80% der Grundnahrungsmittel weltweit von Frauen produziert werden: In vielen Kulturen ist traditionell die Frau für den Anbau zur Eigenversorgung zuständig, auch spielen Frauen zunehmend als billige Arbeitskräfte in der Exportproduktion eine Rolle.

Gehungert wird auf dem Land

Sektorale Hungerverteilung

Es erscheint paradox, aber gehungert wird vor allem dort, wo Nahrung produziert wird: auf dem Land. Etwa drei Viertel der chronisch Hungernden sind Landbevölkerung: KleinbäuerInnen und LandarbeiterInnen, die aus Mangel an Land, wegen des fehlenden oder benachteiligten Zuganges zum Markt, wegen unzureichender Entlohnung, oder einfach als Vertriebene sich nicht selbst ernähren können.

Das ist wichtig für alle politischen Maßnahmen zur Bekämpfung des strukturellen Hungers: Die Strategie kann nicht sein, weltweit mehr zu produzieren, damit der Preis der Nahrungsmittel sinkt, und sich so auch die Ärmsten ihre Nahrung leisten können. Denn gerade durch das Senken der Nahrungsmittelpreise kann auch Hunger erzeugt werden.

Eines von vielen möglichen Beispielen: In Jamaika ist in den letzten Jahren der Import von billigem Milchpulver aus der Europäischen Union stark angestiegen. Darunter litten vor allem die kleinen Milchproduzenten in Jamaika, ihre Produktion ging innerhalb von 5 Jahren von 2,5 Millionen auf 300.000 Liter zurück. Möglich wurde diese Entwicklung durch die Abschaffung der jamaikanischen Zölle und Subventionen (auf Druck der Weltbank) und die massiven EU-Subventionen für europäische Milchprodukte. Die Leid tragenden kleinen Bauern und Bäuerinnen gehören genau zu jener weltweiten Schicht von Menschen, die am meisten vom Hunger bedroht ist.

Global liberal?

Die WTO (World Trade Organization - Welthandelsorganisation der UNO) zementiert diese Ungleichheit geradezu: Sie erlaubt dem Norden die Aufrechterhaltung von Agrarsubventionen (insgesamt 5 bis 6mal so viel wie alle Gelder der Entwicklungszusammenarbeit), zwingt den Süden aber zur Marktöffnung. Seit Cancún 2003 wird dem Norden jedoch zunehmend klar, dass er auch im Interesse einer Liberalisierung die eigenen „handelsverzerrenden“ Maßnahmen einschränken muss, wenn er vom Süden den Abbau von Einfuhrbeschränkungen verlangt. Liberalisierung also als Forderung des Südens dem Norden gegenüber?

Auch im Süden gibt es unterschiedliche Ansichten, und an der Frage der Liberalisierung des globalen Agrarmarktes scheiden sich die Geister weltweit. Nicht nur weite Teile der WTO, sondern auch die FAO und einige Nichtregierungsorganisationen wie zum Beispiel OXFAM (Oxford Committee for Famine Relief - Oxforder Komitee zur Linderung der Hungersnot) oder „Brot für die Welt“ sprechen sich - wenn auch mit unterschiedlichen Rahmenforderungen - für eine stärkere Einbindung des Südens in den globalen Markt aus, verbunden mit einer verstärkten Marktöffnung im Norden. Auch wenn dadurch die vom Hunger Betroffenen nicht immer direkt profitierten, so würden indirekt Anteile des Gewinns zu ihnen „durchsickern“, in Form von Arbeitsplätzen zum Beispiel.

Globalisierungskritischere Organisationen, wie unter anderem auch das internationale Kleinbauernnetzwerk „La Via Campesina“, attac und FIAN (FoodFirst Information and Action Network), konzentrieren sich mehr auf die unmittelbaren Auswirkungen: wenn durch eine Exportorientierung kleinbäuerliche Familien durch Großprojekte und Agrarkonzerne marginalisiert werden, ist das eine Förderung des Hungers und somit abzulehnen, unabhängig von allen volkswirtschaftlichen Verheißungen. Wichtiger sind Schutz und Aufbau lokaler Märkte, gerade im Interesse der Ernährungssicherheit. - In einem Punkt ist man sich allerdings einig: Der Norden muss sein Agrardumping beenden.

Ungerechtigkeit und Ausbeutung gibt es nicht erst seit den Zeiten der so genannten Globalisierung, diese trägt jedoch in vielen Fällen zu einer verschärften Ausgrenzung der Benachteiligten bei. Agrarreformen mit staatlich durchgeführten Enteignungen zugunsten von Kleinbauern sind heute kaum mehr vorstellbar, da Land zunehmend als den Gesetzen des Marktes unterworfene „Ware“ und nicht als Lebensgrundlage gesehen wird. Dasselbe gilt für Wasser und Saatgut.

„Grüne Revolutionen“

Eine weitere umstrittene Frage: Können gentechnisch veränderte Pflanzen einen positiven Beitrag im Kampf gegen den Hunger leisten? Zum Beispiel durch Sorten, deren Ertrag größer ist oder deren Nährgehalt besser ist? Die FAO ruft zu mehr biotechnologischer Forschung auf, auch bei bisher „vernachlässigten“ Pflanzen wie Maniok, Kartoffeln und Reis, und hofft, dass die Ergebnisse auch den armen Bauern und Bäuerinnen zugänglich gemacht werden. Die meisten Nichtregierungsorganisationen äußern sich zu dieser neuen Variante einer „Grünen Revolution“ allerdings ablehnend.

Bereits in der „Grünen Revolution“ der 70er Jahre war man einseitig auf den technischen Aspekt der Nahrungsmittelproduktion fixiert. Mit Pestiziden, Düngemitteln, mehr Bewässerung und intensivem Einsatz von Maschinen versuchte man - unterstützt von den Industriestaaten - Ernährungssicherheit durch massive Ertragssteigerungen zu erzielen. Häufig war aber der technische Aufwand den lokalen Bedingungen nicht angepasst, neben ökologischen Schäden gerieten zudem viele Bauern in die Abhängigkeit großer Konzerne.

Auch die gentechnische Variante einer „Grünen Revolution“ birgt soziale und ökologische Gefahren: Durch das bestehende Patentrecht TRIPS (trade-related aspects of intellectual property rights - Abkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte auf geistiges Eigentum) können einige wenige große Konzerne mit „ihren“ Pflanzen eine enorme Macht entfalten.

Einzelne BäuerInnen sind nicht nur beim Verkauf ihrer Produkte von den Konzernen abhängig, sondern müssen von diesen auch das Saatgut beziehen und oft sogar die Chemikalien. Eine Ausweitung dieses Systems würde die kleinbäuerliche Landwirtschaft weiter schwächen.

Inzwischen sind auch immer mehr Biologen davon überzeugt, dass mit traditioneller Sortenvielfalt und „Low-Tech-Kreuzungen“ flexibler auf sich verändernde Umweltbedingungen reagiert werden kann (so wie überhaupt die kleinen Strukturen in Landwirtschaft und Fischerei sich der Umwelt gegenüber meist sensibler verhalten, als eine an Weltmarkt und schnellem Gewinn orientierte Produktion im großen Stil).

Die Globalisierung von unten

Gleichzeitig mit der Südtiroler Aktionswoche Local-Global im April 2005 fanden ähnliche Aktionen in 80 verschiedenen Ländern weltweit statt, etwa 10 Millionen Menschen beteiligten sich an der Global week of action zum Thema Welthandel und Gerechtigkeit.

Zurzeit versucht dieses Bündnis von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, durch gezielte Lobbyarbeit vor allem auf die WTO Einfluss zu nehmen. Dort stehen noch in diesem Jahr wichtige Entscheidungen auf der Tagesordnung. Innerhalb der WTO ist man von einer Einigung im Moment aber noch weit entfernt, die Ministerkonferenz im Dezember in Hongkong droht - ähnlich wie die von Cancún - zu scheitern.

Der besondere Ansatz von FIAN besteht darin, den Hunger als Menschenrechtsverletzung zu sehen. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 sowie im Sozialpakt von 1966 ist das Recht eines jeden einzelnen Menschen auf ausreichende Ernährung ganz klar festgelegt. Hungernde Menschen müssen nicht einfach Bittsteller sein, denen gegenüber die Reichen und Mächtigen ihre Wohltätigkeit unter Beweis stellen können, sondern sie haben ein Recht auf angemessene Ernährung. Das gibt ihnen Würde.

Als globales Netzwerk (Foodfirst Information and Action Network) mit Mitgliedern in 60 Staaten setzt FIAN verschiedene Methoden ein, um jene Menschen zu unterstützen, deren Recht auf Nahrung verletzt oder gefährdet ist: Briefaktionen, Fallarbeit, Kampagnen, Untersuchungsmissionen und Lobbyarbeit an den entscheidenden politischen Stellen.

Auf der weltpolitischen Ebene scheint - nicht zuletzt aufgrund jahrelanger FIAN-Lobbyarbeit - das Recht auf Nahrung langsam einen höheren praktischen Stellenwert zu erhalten: So haben zum Beispiel die FAO-Mitgliedstaaten im letzten Jahr Richtlinien für die Umsetzung des Rechts auf Nahrung formuliert. Auf diese wird man sich in Zukunft berufen können.

Der Schulterschluss mit den Betroffenen, aber auch zwischen den verschiedenen Nichtregierungsorganisationen, ist dabei von entscheidender Bedeutung. Nur eine solche Globalisierung von unten kann dazu führen, dass eine noch breitere Öffentlichkeit die Rahmenbedingungen in Frage stellt, die 24.000 Menschen täglich an den Folgen des Hungers sterben lassen. Aus der Wahrnehmung des Skandals als solchen wird dann vielleicht bei immer mehr Menschen eine Wahrnehmung der eigenen Handlungsmöglichkeiten - im Kampf gegen diesen Skandal.

Georg Siller

Weitere Informationen über die Arbeit von FIAN: www.fian.org, www.fian.de

E-Mail: georgsiller@dnet.it


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