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01/09/2005
Fome Zero - Null Hunger in Brasilien
Wenn bei Ende meiner Amtszeit alle Brasilianer drei Mahlzeiten haben, dann werde ich die Mission meines Lebens erfüllt haben
, sagte der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva bei seiner Amtsübernahme.

Dass er das ehrlich wollte, kann man ihm ebenso abnehmen, wie dass es ihm beim besten Willen nicht gelingen wird. Der Anstoß zu Fome Zero wurde beim Welternährungstag 2001 vom Institut der Bürgerschaft gegeben, einer Nichtregierungsorganisation (NGO), die damals unter der Leitung von Luiz Inácio da Silva stand. Neben Sofortmaßnahmen zur Bekämpfung von Hunger und Armut sollen über eine Reihe von langfristigen Vorhaben die Ursachen der Missstände ausgeräumt werden. Dazu gehören Maßnahmen zur Schaffung von Beschäftigung und Einkommen, Förderung landwirtschaftlicher Familienbetriebe, neue Impulse für die Bodenreform, Hilfsprogramme in Dürreperioden sowie Alphabetisierungsprogramme.
Momentan bekommen die ärmsten Familien in 377 Gemeinden monatlich einen Ernährungsscheck von 50 Reais (16 Euro). Außerdem bekommen sie eine Schulgeldbeihilfe von monatlich fünf Euro. Bezahlt wird dieses Geld allerdings nur, wenn die Eltern sich selber verpflichten, an einem Alphabetisierungskurs teilzunehmen sowie die Kinder vom 7. bis zum 14. Lebensjahr in die Schule zu schicken. Gerechte Landverteilung würde einen anderen Lohn einbringen als diese lumpigen Almosen, die zur eigentlichen Würde dieser Menschen absolut nichts beitragen.
Von den versprochenen 400.000 Familien, die angesiedelt werden sollten, sind es derzeit etwa 150.000. Arbeitslose gibt es offiziell 13%.
Lula regiert nicht alleine. Von seinen Koalitionsparteien sind einige, einschließlich seine Arbeiterpartei PT, in gewaltige Korruptionsdelikte verwickelt. Lula ist der Stopp der Auslandsverschuldung gelungen, das heißt er hat erstmals keine neuen Kredite beim IWF aufgenommen und kommt in der Begleichung der Schulden zurecht, was natürlich auch nicht alle einsehen. Außenpolitisch und auch, was die Anziehung von Kapital betrifft, steht er gut da.
Auffallend ist auch die ernorme Bautätigkeit in den Außenbezirken der Großstädte. Da möchte man meinen, dass sich das mit der Zeit doch auch auf die arme Bevölkerung auswirkt, denn da braucht es viele Arbeitskräfte. Die alten Stadtkerne entwickeln sich jedoch zu Geisterstädten. Viele Gebäude sind am Verfallen und nicht wenige dienen Kriminellen als Unterschlupf. Wenn es Nacht wird, werden diese Stadtteile leer. Vom “Fome Zero“ ist da noch nichts zu spüren. Wenn man durch die Städte geht, ob kleine oder große, sieht man jetzt wesentlich mehr Leute, die um Almosen bitten, als noch vor fünf Jahren. Dazu gehören sehr viele junge Menschen.
Kleinbauern, Abholzung, Sklavenarbeit und Gentechnik
Die legale und illegale Abholzung im Amazonasgebiet und im Bundesstaat Pará mit all ihren Folgen ist ein anderes Problem, das mit Verarmung und Hunger zu tun hat. Mögen die Großkonzerne noch so große Flächen mit Soja anbauen und genmanipuliertes Saatgut von Monsanto ausstreuen, damit wird der Hunger von keinem einzigen Armen gestillt, im Gegenteil, das Heer der Land- und Erwerbslosen vermehrt sich täglich. In diesem Punkt geht auch Präsident Lula keinen eindeutigen Weg. Soja ist Brasiliens wichtigster Devisenbringer und die Regierung Lula wird alles tun, um die Produktion zu steigern. Bereits seit 1997 verwenden Bauern im Süden das aus Argentinien eingeschmuggelte, genmodifizerte Saatgut mit dem Spitznamen Maradona. Landwirte behaupten, dass sie mit Monsanto-Soja ein Drittel der Produktionskosten einsparen, denn mit dem Herbizid Roundup brauchen sie nur einmal jährlich zu spritzen.
Wir Comboni-Missionare arbeiten schon viele Jahre in Açailândia, das heißt im Vor-Amazonas, wo es längst keinen Baum mehr gibt, wo aber das Holz vom Urwald herausbefördert wird zur Gewinnung von Holzkohle für die Gießereien. Klaren Sonnenschein gibt es da nie, sondern ständig den beißenden Rauch. Die Arbeiter werden in den Köhlereien sklavenähnlich gehalten. So auch die Kleinbauern, die man für die Rodung der riesigen Flächen und den Abtransport des Holzes braucht. Die Arbeiter werden auf Lastwägen von weit hergeholt und kommen trotz schwerster Arbeit nie aus den Schulden heraus, die sie machen mussten, sei es für die Fahrt, sei es für die miserable Unterbringung. Ab Januar 2006 werde ich selber in Pará in diesem Kampf mit den Kleinbauern stehen, vermutlich härter als vorher in Balsas.
Hunger hat also viele Gesichter und lässt sich nicht einfach durch ein paar Regierungsprogramme wegwischen. Man kann nicht sagen, dass die Regierung nichts tut, aber leider gibt es unter den Regierenden viele Gauner und Gaunereien. Etwa 70% aller Abgeordneten sind Großgrundbesitzer, Ärzte und Rechtsanwälte.
Bruder Bruno Haspinger


