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03/05/2005

"Lass zu, dass die Welt dich verändert" - Erfahrungen aus Peru

30. Oktober 2004 - Ich stehe am Ausgang des Flugzeugs und blicke in eine neue Welt. Zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft nur eine kurze Treppe. Hoffnungsvoll und zuversichtlich auf das, was auf mich zukommt, steige ich die Stufen hinab und betrete das erste Mal in meinem Leben südamerikanischen Boden.

Ich, Tobias Troger, 19 Jahre alt, aus Terlan, stehe am Anfang eines Lebensabschnittes, der mich nachhaltig prägen und viel Kraft erfordern wird. 9 Monate lang werde ich mich in der peruanischen Hauptstadt Lima um Kinderarbeiter kümmern. Kinder, die jeden Tag Schuhe putzen, Bonbons verkaufen oder sonst irgend etwas machen müssen, um sich und ihrer Familie das Überleben zu sichern.

Meine Motivation ist vielschichtig. Ich will mit eigenen Augen sehen, was ich schon in einer Unzahl von Büchern gelesen habe. Ich will von meinen anfänglichen Plänen einer naiven Weltverbesserung zu konkreteren und realitätsnäheren Vorstellungen kommen. Che Guevara hat einmal gesagt (ich will hier nicht seine Taten diskutieren): Lass zu, dass die Welt dich verändert und du wirst die Welt verändern. Dass wird mein Ziel in Peru sein. Mich der ungewohnten Situation anpassen und offen für Neues sein.

Inzwischen sind fünf Monate vergangen. Fünf Monate voller Rückschläge und Aufschwünge. Fünf Monate, die aus mir einen neuen Menschen gemacht haben. Zwischen stark verschmutzter Luft und hektischem Straßenverkehr hat mich die Realität viel gelernt. Ich habe mit Kinderarbeitern die Wände ihrer Schule bemalt, ihnen in den Wellen des Pazifischen Ozeans Schwimmen gelernt, inmitten von Müllbergen Fußball gespielt und in Stadtvierteln, die sonst nie von Weißen betreten werden, mit allen bekannten und unbekannten Menschen das Tanzbein geschwungen.

Heute erst war ich wieder an Ort und Stelle. Und zwar besuchte ich die Kinderarbeiter eines Marktes, auf dem ich seit längerer Zeit beschäftigt bin. Wenn ich Markt sage, dann meine ich nicht einen Markt, wie wir ihn in Bozen auf dem Obstplatz haben. Nein, ich meine einen Markt in der Größe von zwei Turnhallen, mit dicht aneinander gedrängten Ständchen, wo von Nahrung bis Kleidung alles angeboten wird.

Als ich in das bunte Treiben eintauche, sehe ich auch schon zwei mir bekannte Mädchen. Joselin, die Ältere der beiden, kriecht gerade unter ihrem Marktständchen hervor. Zusammen mit ihrer Schwester Charon hat sie die Nacht auf einem Knäuel schmutziger Decken verbracht. Als sie mich sieht, erstrahlt ihr Gesicht einen Augenblick lang in einem freudigen Lächeln. In diesem kurzen Augenblick scheint Joselin ein ganz normales Kind zu sein, das behütet von seinen Eltern in einer gerechten Welt aufgewachsen ist. Doch leider ist dem nicht so. Joselin muss jeden Tag auf den Straßen Limas Bonbons verkaufen. Wenn sie zu wenig Geld nach Hause bringt, wird sie von ihrer Mutter geschlagen. Das gleiche Schicksal trifft ihre Schwester Charon, die nur kurz unter dem Tischchen hervorblickt, sich dann aber wieder hinlegt. Sie scheint krank zu sein.

Nachdem ich auch die restlichen Kinder des Marktes besucht habe, fahre ich wieder nach Hause, wo ich nun sitze und diese Zeilen schreibe.

Liebe Leser und Leserinnen, ich will euch eine unbekannte Welt näher bringen. Ich will Denkanstöße geben, die Systemkritik und Weltverbesserung aus dem Schatten abgewetzter Klischees holen sollen. Nicht nur jugendliche Revoluzzer, bewundernswerte Idealisten, nostalgische 68er oder Kommunisten frönen nach jener Veränderung, die meist als romantischer Traum verschrien wird. Nein, der Schrei nach Veränderung ist notwendig und legitim. Und da ich mich hier in Peru befinde und Ihr dort in Südtirol, sehe ich es als meine Aufgabe, diesem Schrei neuen Ausdruck zu verleihen und mit euch meine Erfahrungen zu teilen.

Tobias Troger


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