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18/02/2012

Was führt zum Erfolg? - Rahmenbedingungen für ein mehrsprachiges Südtirol müssen geschaffen werden

Kann die Schule alle Probleme lösen, kann sie den Sprachenerwerb ausreichend lenken und fördern? Die Antwort ist ein entschiedenes Nein. Die Schule kann nur in einem gewissen Umfang Einfluss nehmen, weil sie innerhalb von Rahmenbedingungen agiert, die sie sich nicht selbst geben kann. Die Schule widerspiegelt in besonderer Weise die Gesellschaft, ja sie ist der Ort, an dem die Gesellschaft reproduziert wird. Sie ist der Ort, in dem eine Gesellschaft versucht, die nachfolgende Generation für die Zukunft vorzubereiten.

Die Sprachenfrage ist eng mit der Frage verknüpft, welche Bürger man in Zukunft heranbilden will. Wie soll diese/r zukünftige Bürger/in sein? Und: Welches Gesellschaftsbild will man vorantreiben – hier speziell in Bezug auf Mehrsprachigkeit? Dazu braucht es Antworten und einen Willen, der explizit gemacht wird, nicht von der Schule allein, sondern von der Gemeinschaft, aus der sie hervorgeht.

Europa wird auch in Südtirol als Bezugsgröße immer wichtiger. Die EU macht sich für die Formel Muttersprache plus zwei stark. An diese Formel kann Südtirol gut anschließen. Die Mehrsprachigkeit ist ein Standortvorteil, ohne Zweifel.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus kann man denn auch ohne Zögern sagen, dass Mehrsprachigkeit keine – oder nur sehr geringfügige – Nachteile bringt. So verfügen beispielsweise mehrsprachig aufwachsende Personen über deutlich mehr kognitive Vorteile als Nachteile. Auch wir am Kompetenzzentrum können dies in einer neurobiologischen Studie nachweisen, für die zwei- und dreisprachige Kinder getestet wurden.

Man kann von einem rein wissenschaftlichen Standpunkt aus nichts falsch machen, wenn man sich für die Förderung von Mehrsprachigkeit auf den verschiedenen Ebenen einsetzt. Nur eines kann man falsch machen: denken, dass noch mehr vom bereits Bestehenden – beispielsweise noch mehr Stunden vom selben Unterricht – die Lösung bringt. Und denken, dass allein in der Schule Sprachen gelernt werden: Es braucht das gesellschaftliche und soziale Umfeld, das diese Entwicklung wünscht, unterstützt und öffentlich macht.

Die Bevölkerung ist vielleicht weiter, als man denkt: Dies legt die Tabelle nahe, die die Antworten zur Motivation, Sprachen zu lernen, darstellt.

Was bedeutet für Sie, neben der Muttersprache auch noch eine andere Sprache zu beherrschen?
Persönliche Bereicherung Konkreter Vorteil Notwendigkeit Unnütz Verlust der eigenen Identität
Deutschsprachige Befragte 75,1 55,7 20,6 0,7 0,8
Italienischsprachige Befragte 80,3 58,6 15,5 3,2 ---
Ladinischsprachige Befragte 79,5 66,9 20,4 --- ---

Quelle: ASTAT 2006: Tab. 5.14, Seite 194

Die Motivation, Sprachen zu lernen, wird nicht in beruflichen, unmittelbar wirtschaftlichen Gründen gesehen, sondern in der persönlichen Bereicherung. Dies mag unerwartet sein, ebenso, dass die drei Sprachgruppen hierzu in großer Übereinstimmung antworten.

Gegenüber früheren Erhebungen scheinen sich die Einstellungen geändert und angeglichen zu haben. Dies muss man als geänderte soziale Rahmenbedingung zur Kenntnis nehmen und zirkulierende Stereotype als solche entlarven.

An einer Sommerschule des Wirtschaftsforschungsinstituts mit dem Titel „Zukunft gestalten“ haben im letzten Sommer junge Südtiroler Studierende ihre Vorstellungen dargelegt. In Bezug auf die Sprachenfrage wünschen sie sich explizit einen entkrampfteren Umgang mit Sprachen, den Erhalt der sprachlichen Diversität, den Respekt vor der Verschiedenheit des anderen.

Als Sprachwissenschaftler kann man solchen Vorstellungen guten Gewissens nur beipflichten. Wir wollen keine Gleichschaltung von Sprachen, beispielsweise zu einer Praxis eines „English only“. Als Sprachwissenschaftler wollen wir – wie Biologen auch – die Biodiversität fördern – will heißen: die Sprachenvielfalt. Dass die Sprachenvielfalt in Südtirol hoch und wertvoll ist, davon muss man wohl noch einige überzeugen.

Wie soll ein Entwurf für die Sprachentwicklung in Südtirol aussehen?

Was es nun braucht, ist ein Entwurf für die Sprachentwicklung in Südtirol. Diese sollte sich an europäischen Standards messen, das heißt der Formel Muttersprache plus 2 weitere Sprachen „nachleben“. Mit „Nachleben“ meine ich auch, dass es sozial anerkannte Vorbilder braucht, die Mehrsprachigkeit konkret im Alltag leben. Es soll beispielsweise nicht gleich eine Loyalitätsfrage daraus gemacht werden, wenn man im Gespräch die Sprache wechselt; es soll differenziert werden, wenn man mal ein italienisches Wort einflicht: Es soll nicht gleich an der Sprachkompetenz gezweifelt werden. Vielleicht hat man es ja nur gemacht, weil man Spaß am Sprachspiel hat.

Zum sozialen Vorbildcharakter gehört auch, dass bei Rundfunk- und Fernsehsendungen nicht alles durch den Übersetzer übertönt wird, wenn eine Person interviewt wird, die die andere Sprache spricht. Die Untertitelung wäre auch ein Mittel, das man nutzen könnte. Mittel- oder gar kurzfristig kann man annehmen, dass die andere Sprache verstanden wird. Die extensive Übersetzung von allen Kommunikationen verhindert ja letzten Endes den Erwerb der anderen Sprache.

Eben: Es soll selbstverständlicher werden, dass ein entkrampfterer Umgang mit den vor Ort vorhandenen Sprachen auch öffentlich zur Schau getragen wird, ein liebvoller Umgang dazu, das schließt einander nicht aus.

Der Entwurf für eine Sprachentwicklung in Südtirol sollte auf vier Pfeilern fußen – Familie, Schule, Freizeit, Gesellschaft – mit entsprechenden (Lenkungs-)Maßnahmen und Angeboten. Es müssten dabei mittel- wie langfristige Ziele festgelegt werden, die beispielsweise einen Pakt mit dem Bürger einschließen (der beispielsweise die rezeptive Mehrsprachigkeit als ein Desiderat aufnimmt).

Der Entwurf müsste Perspektiven der Entwicklung der Schulen und der Lehrerbildung beinhalten, die Schritt halten mit der Entwicklung dieser Gesellschaft. Er müsste flankiert werden von Maßnahmen, die den Spaß an Sprachen mit einbeziehen. Es wäre möglich, dabei auch den öffentlichen Raum zu nutzen, beispielsweise mit Medienkampagnen: So könnten wohlbekannte Exponenten in Sketsches in den Medien auftreten und für Sympathie für einen lockeren Umgang mit Sprachen werben. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens könnten beispielsweise zeigen, was sie können und nicht können. Nebenbei bemerkt: Das Deutsch des italienischsprachigen Bozner Bürgermeisters ist doch ausgesprochen sympathisch, eben: ‘Spagnolli-Deutsch´, obwohl es nach Oberschullehrermanier nicht hundertprozentig ‚perfekt’ ist.

Sprachenlernen hat mit Büffeln zu tun, wer hat diese Erfahrung nicht auch gemacht? Doch Spaß an Sprachen soll man auch haben dürfen. Denn auch dies gehört zur Sprachpflege: Spaß am sich Verbessern, am neuen Lernen, am Ausprobieren, am Jonglieren mit Sprachen, sei es in derjenigen (oder denjenigen!), die einem seit Kindheit nahe steht oder in jener, die später ins Leben getreten ist.

Es tut sich etwas in Sachen „Sprachen“, hatte ich den Eindruck im vergangenen Jahr 2011. Nachhaltig braucht es nun Mut, die richtigen Rahmenbedingungen dazu zu setzen. Hierzu ist jedoch nicht die Wissenschaft allein gefragt, sondern auch diejenigen, die diese Rahmenbedingungen zu setzen wissen.

Rita Franceschini
Direktorin des Kompetenzzentrums Sprachen, Freie Universität Sprachen


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