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14/01/2011

„Vivir Bien“ in Bolivien

Auf dem Weg vom materiellen Wohlstand Einzelner hin zu einer echten Lebensqualität für alle

Ausgrenzung und materielle Armut der bolivianischen indigenen Bevölkerung hatten in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts und verstärkt mit Beginn des 21. Jahrhunderts zu organisiertem Widerstand der benachteiligten Bevölkerungsgruppen geführt. Mit der Präsidentschaftswahl des indigenen Bauernführers Evo Morales im Jahr 2005 wurde eine neue Zeit eingeläutet, vorangetrieben unter anderem durch die Festlegung des Nationalen Entwicklungsplans.

Evo Morales hebt die Hand bei einer Ansprache.

Seit der Kolonialherrschaft war die bolivianische Gesellschaft von der wirtschaftlichen Ausbeutung sowie der politischen, sozialen und kulturellen Ausgrenzung seiner indigenen Bevölkerungsmehrheit gekennzeichnet, unabhängig davon, ob diese als NomadInnen, Bauern und Bäuerinnen oder auch ArbeiterInnen lebten.

An dieser Situation änderte sich auch nichts Wesentliches durch die Unabhängigkeit Boliviens im Jahre 1825. Selbst die Errungenschaften der Revolution im Jahre 1952, die erste Schritte in Richtung einer gerechten Gesellschaftsordnung mit Rechten und Pflichten für sämtliche ihrer Mitglieder setzte (Wahlrecht für alle, Bildung für alle etc.), wurden durch die Jahre der Militärdiktaturen und dann durch die neoliberale Politik ab 1985 de facto auf ein Mindestmaß reduziert beziehungsweise völlig verzerrt.

Die Ausgrenzung und die materielle Armut der indigenen Bevölkerung hatten in den letzten Jahren extrem Ausmaße angenommen: Was letztere betrifft, so bekamen im Jahr 2002 laut Statistiken von CEPAL (Comision Economica Para America Latina y el Caribe) die ärmsten 10% der Bevölkerung vom Bruttoinlandseinkommen nur 0,2%, während die reichsten 10% fast die Hälfte (47,3%) abschöpften.

Durch die prekäre wirtschaftliche Situation der indigenen Bevölkerungsmehrheit sowie deren systematische Ausgrenzung in politischer, sozialer und kultureller Hinsicht wuchs ab Ende der 90er Jahre und verstärkt mit Beginn des 21. Jahrhunderts der organisierte Widerstand in den benachteiligten Bevölkerungsgruppen (indigene Bevölkerung im Allgemeinen, ArbeiterInnen, Bauern und Bäuerinnen, LehrerInnen sowie die relativ kleine Mittelschicht). Es kam zu einer Reihe von Protestkundgebungen und Straßenblockaden, die sich trotz der Repression durch Polizei und Militär immer mehr ausdehnten.

Als gegen Ende 2005 die Situation sich als untragbar erwies, wurden die Präsidentschaftswahlen vorgezogen, aus denen der indigene Bauernführer Evo Morales Ayma mit einem überwältigenden Stimmenanteil von 54% als Sieger hervorging. Im Juni 2006 stellte Evo Morales die erste Fassung des Nationalen Entwicklungsplans („Plan Nacional de Desarrollo“) vor, der sich im Sinne von strategischen Richtlinien zur Schaffung eines menschenwürdigen, souveränen, produktiven und demokratischen Bolivien für ein „gutes Leben“ („Vivir Bien“) versteht.

Nach einer circa einjährigen Phase der Überarbeitung – an der die verschiedenen Sektoren der Gesellschaft aktiv mitgewirkt haben - trat der Nationale Entwicklungsplan im September 2007 in seiner endgültigen Fassung in Kraft.

Der Nationale Entwicklungsplan als Beitrag zur Überwindung konventioneller Entwicklungsansätze

Zusammenfassend möchten wir Folgendes über den Geist dieses Nationalen Entwicklungsplans und speziell in Bezug auf das „Vivir Bien“ sagen: Er stellt zweifellos einen Beitrag zur Überwindung konventioneller (westlicher) Entwicklungsansätze dar. „Vivir Bien“ wird ausdrücklich als eine Art Lebensqualität verstanden, die über den materiellen Wohlstand des Einzelnen hinausgeht. Es geht auch um gerechte Verteilung von Besitz, Einkommen und Chancen, um eine gemischte Wirtschaft, um spirituelle Aspekte, um echte Mitbestimmung auf allen Ebenen. Und insbesondere geht es auch um ein harmonisches Zusammenleben - zwischen verschiedenen Menschen, zwischen verschiedenen Gruppen, aber auch mit der Natur. Statt auf Kosten anderer oder der Natur zu leben, wird angestrebt, dass alle miteinander, in Gemeinschaft, gut leben. Soweit die Ideale, die der Nationale Entwicklungsplan im Detail ausführt beziehungsweise für deren Erreichen er eine Reihe von Maßnahmen vorsieht.

Natürlich kann der Einwand vorgebracht werden, dass all dies letztlich nur auf dem Papier existiert. Oder dass es sich zwar um löbliche Vorsätze handeln mag, die aber doch eher im utopischen Bereich angesiedelt sind. Dennoch glauben wir, dass die Idee des „Vivir Bien“ nicht nur den politischen Willen der aktuellen Regierung widerspiegelt, sondern auch den Traum all jener Menschen, die mit der Ausübung ihres Stimmrechts – konkret auch durch die Wiederwahl von Evo Morales Ayma im Dezember 2009 – ihre Sehnsucht nach diesem anderen Bolivien zum Ausdruck gebracht haben.

Der nationale Entwicklungsplan und auch die neue Verfassung Boliviens, die ebenfalls „Vivir Bien“ als grundlegendes Prinzip verankert, sind sicher nur die ersten Schritte hin zu einem Bolivien, wo alle gemeinsam gut leben. Aber er ist dennoch ein wesentlicher Schritt, der viele Menschen mit neuer Hoffnung und Zuversicht erfüllt. Und das sind gute Voraussetzungen dafür, dass die Menschen auch an der Basis aktiv werden, um Schritt für Schritt zur Verwirklichung ihres Traums beizutragen.

Marga Mair und Antonio Garcia
Leiter der Organisation Yachay Chhalaku in Tutimayu, Bolivien


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