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05/02/2010

Gefahrenherd Weichmacher - die äußerst gesundheitsschädlichen Additive der Kunststoffe

Die Belastungen der Kinder mit Phthalaten sind zu hoch. Nach ersten Modellrechnungen im deutschen Umweltbundesamt ist zu befürchten, dass zwischen 30 und mehr als 80% der Kinder zu hoch belastet sein könnten. Zu den Folgen gehört unter anderem Untergewicht bei Säuglingen. Der Stoff DEHP führt zudem zu einem Anstieg der Hormonwerte und schadet somit auch Erwachsenen.

Ein Vater hält sein Kind, das mit farbigen Plastikwürfeln spielt.

Kinder mit gefährlichen Weichmachern stark belastet

Kunststoffe wie PVC (Polyvinylchlorid) wären ziemlich spröde und hart, wenn man ihnen nicht Weichmacher zusetzen würde. Dazu gehören auch die sogenannten Phthalate. Weil viele Verpackungen aus Kunststoffen bestehen, gelangt der Weichmacher in Getränke und Lebensmittel - und so auch in den menschlichen Körper.

Phthalat-Weichmacher stehen unter dem Verdacht, Auslöser von Allergien, Asthma und Krebs zu sein. Durch eine EU-Richtlinie sind sie immerhin in Spielsachen, die in den Mund genommen werden können, verboten.

Bei einer vom Robert Koch-Institut im Auftrag des deutschen Umweltbundesamtes durchgeführten Untersuchung von 1.790 repräsentativ ausgewählten Kindern wurden hohe Phthalatbelastungen festgestellt. Und natürlich nicht nur in Deutschland. Nach ersten Modellrechnungen im deutschen Umweltbundesamt ist zu befürchten, dass zwischen 30 und mehr als 80% der Kinder zu hoch belastet sein könnten. Gundi Lorbeer vom österreichischen Umwelt-Bundesamt bestätigt: Phthalate haben wir in sehr vielen Konsumgütern.

Menschen kommen täglich mit dem Weichmacher in Berührung. Er findet sich in Bodenbelägen, Kabeln, Plastikflaschen, Schuhsohlen, Lacken und Lebensmittelverpackungen sowie in Polstermöbeln, Bekleidung und Kosmetika. Was oft unterschätzt wird, ist die Belastung des Hausstaubs mit Phthalaten. Phthalate werden in sehr großen Mengen zugesetzt, also doch im Zig-Prozent-Bereich. In der Produktion werden sie aber nicht chemisch gebunden. Das heißt, sie sind in dem Produkt enthalten und können mit der Zeit ausdampfen. Zum Beispiel können sie aus dem Fußboden oder der Tapete entweichen. Das ist auch der Grund, weshalb wir Phthalate so stark im Hausstaub finden, so Lorbeer.

Phthalate sind vor allem für Kinder sehr gefährlich. Sie stehen im Verdacht, Krebs auslösen zu können und, so Lorbeer, haben sie eine Wirkung ähnlich wie Hormone. Das kann sich auf die Fortpflanzungsfähigkeit auswirken, das kann aber auch schon das Kind im Mutterleib schädigen und - was vielleicht etwas schneller erkennbar ist - sie können die Atemwege reizen beziehungsweise wenn sie oral aufgenommen werden, können sie zu Verdauungsstörungen führen. Besorgten Eltern empfiehlt Gundi Lorbeer, beim Hersteller nachzufragen: Es besteht die Verpflichtung, dass der Konsument auch eine Auskunft erhält.

Flip-Flops, Planschbecken, Schwimmhilfen, Luftmatratzen, Billig-T-Shirts und Kinderwägen enthalten häufig Phthalate. Phthalatfrei wird man seine Umgebung nicht wirklich bekommen, meint man im Umweltbundesamt. Dazu sind die Weichmacher einfach zu vielen Produkten in der häuslichen Umgebung beigefügt.

Weichmacher könnten Risiko für Untergewicht bei Babys steigern

Die Ergebnisse einer chinesischen Studie deuten darauf hin, dass die vieldiskutierten Weichmacher im Kunststoff schuld am niedrigen Gewicht Neugeborener sind. Die umstrittenen Substanzen stecken in vielen Kunststoffen und können ähnlich wirken wie Hormone. Renshan Ge von der Fudan-Universität in Shanghai analysierte Daten von insgesamt 201 Neugeborenen und ihren Müttern. Die Babys waren 2005 und 2006 zur Welt gekommen. 88 Kinder hatten ein unterdurchschnittliches Geburtsgewicht, 113 Kinder galten als normalgewichtig. Die Forscher testeten das mütterliche Blut, das Nabelschnurblut und den ersten Stuhl der Kleinen auf Phthalate. Ergebnis: In über 70 Prozent der Proben fanden sich entweder die Weichmacher selbst oder Stoffwechselprodukte davon, wobei die Kinder mit Untergewicht im Schnitt mit einer größeren Phthalat-Menge in Kontakt kamen als jene mit Normalgewicht.

Der Weichmacher könnte ein Risikofaktor für Untergewicht bei Neugeborenen sein, schreiben die Forscher im Fachmagazin Journal of Pediatrics. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Gewicht und damit der Entwicklung der Kinder im Mutterleib und den Weichmachern sei damit aber nicht bewiesen. Die Studie trage jedoch zu der wachsenden Besorgnis in Bezug auf die weitverbreiteten Substanzen bei, die ähnlich wie Hormone wirken können und die Entwicklung Ungeborener im Tierversuch nachweislich beeinträchtigen.

Neugeborene seien in China damit offenbar praktisch überall Weichmachern ausgesetzt, schließen die Forscher. Besonders zwei Phthalat-Varianten scheinen dabei mengenabhängig mit einem niedrigen Geburtsgewicht assoziiert zu sein. Der Kontakt mit den Weichmachern im Mutterleib könnte auch die Gefahr von Komplikationen im Kindesalter sowie später die Wahrscheinlichkeit für Stoffwechselerkrankungen beeinflussen.

Weichmacher treiben Sexualhormone an

Wissenschaftler um Matthew Hardy vom New Yorker Center for Biomedical Research haben in Experimenten mit Ratten nachgewiesen, dass DEHP den Hormonhaushalt verändern kann - auch in geringen und über lange Zeiträume verteilten Mengen. Frühere Studien hatten bereits die schädigende Wirkung des Weichmachers, der unter anderem in Getränke- und Shampooflaschen zu finden ist, in kurzzeitigen hohen Dosierungen belegt.

Wie die Mediziner in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (10.1073/pnas.0305977101) berichten, zeigten die Tiere nach vier Wochen deutlich erhöhte Werte sowohl des weiblichen Hormons Estradiol als auch des männlichen Sexualstoffs Testosteron. Auch wenn sich die Physiologie von Ratten und Menschen deutlich unterscheidet, empfehlen die Forscher, das Risiko für die Aufnahme von DEHP beim Menschen neu zu bewerten und die Grenzwerte zu senken. Erhöhte Werte von Geschlechtshormonen können beispielsweise zu einem verfrühten Einsetzen der Pubertät führen. DEHP gehört zwar zu den am besten erforschten Umweltchemikalien, doch flammt die Diskussion um die Wirkung dieses Stoffes und die zulässigen Grenzwerte immer wieder auf.

Zusammengestellt von Christine Baumgartner, Mitarbeiterin der OEW-Rundbrief-Redaktion

Quellen:
http://help.orf.at/?story=9442
www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,632514,00.html
www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,280685,00.html


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