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23/10/2008

Sprachen der Erde: Die slawischen Sprachen

Unsere Verwandten im Osten

Während wir uns bisher immer mit einer einzigen Sprache beschäftigt haben, versuchen wir diesmal, einen Überblick über eine ganze Sprachfamilie zu geben, und zwar die Familie der slawischen Sprachen.

In Südtirol waren laut Astat Ende 2007 circa 9.315 EinwandererInnen aus insgesamt 13 Ländern mit slawischer Nationalsprache ansässig. Nach Ländern sind das: Serbien und Montenegro: 2.503 [1], Mazedonien: 1.909, Slowakei: 1.498, Polen: 847, Bosnien-Herzegowina: 764, Ukraine: 748, Kroatien: 499, Tschechien: 284, Russland: 127, Bulgarien: 78, Weißrussland: 36, Slowenien: 22 [2].

Auch wenn diese Zahlen nicht in jedem Fall die tatsächliche Muttersprache dieser Menschen widerspiegeln, so sehen wir, dass die slawischen Sprachen insgesamt in Südtirol relativ stark verbreitet sind.

Sprachskizze slawische Sprachen

Genetische Zugehörigkeit:
Indogermanische Sprachen
Slawische Sprachen
Sprecher: circa 300 Millionen Muttersprachler, 400 Millionen inklusive Zweitsprecher
Offizieller Status: eine oder mehrere slawische Sprachen sind Amtssprache in: Russland, Weißrussland, Kasachstan, Kirgisistan, Ukraine, Polen, Slowakei, Tschechien, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro, Bulgarien, Mazedonien, Burgenland (A), Wien (A), Kärnten (A), Triest (I), Görz (I), Molise (I), Westungarn, Nordamerika
Schrift: teils lateinische, teils kyrillische Schrift
Morphologische Typologie: flektierende Sprache
Wortstellung: Subjekt - Verb - Objekt

Die slawischen Sprachen sind ein Zweig des Indogermanischen. Etwa 300 Millionen Menschen sprechen eine der rund 20 slawischen Sprachen als Muttersprache, 400 Millionen sind es inklusive Zweitsprecher. Mit Abstand die sprecherreichste slawische Sprache ist das Russische mit rund 145 Millionen Muttersprachlern und 250 Millionen inklusive der Zweitsprecher. Weitere bedeutende slawische Sprachen sind Ukrainisch und Polnisch mit jeweils etwa 50 Millionen Sprechern.

Die slawischen Sprachen sind aus einer gemeinsamen Vorgängersprache entstanden, die man "Urslawisch" oder "Protoslawisch" nennt. Die Abtrennung des Protoslawischen aus dem Indogermanischen ist vor mindestens 3.000 Jahren erfolgt. Die drei Hauptzweige (Ost-, West- und Südslawisch) haben sich wahrscheinlich in der Mitte des ersten Jahrtausends nach Christus aus dem Urslawischen entwickelt; danach kam es durch weitere Migrationen zur Ausdifferenzierung der heutigen Vielfalt.

Die Einteilung in die drei Hauptgruppen Ostslawisch, Westslawisch und Südslawisch ist sowohl geographisch als auch sprachlich begründet – letzteres insofern, als sich die Sprachen innerhalb einer Hauptgruppe näher stehen als jene, die verschiedenen Hauptgruppen angehören. Die großen ostslawischen Sprachen sind Russisch, Weißrussisch und Ukrainisch; zu den westslawischen Sprachen gehören Polnisch, Slowakisch, Tschechisch, Kaschubisch und Sorbisch; zum Südslawischen wird das Altkirchenslawische sowie Bulgarisch, Mazedonisch, Kroatisch, Bosnisch, Serbisch, Montenegrinisch und Slowenisch gerechnet.

Politische Aspekte bei der Abgrenzung zwischen den Sprachen

Bosnisch, Kroatisch und Serbisch stellen aus sprachgenetischer Sicht eine Einzelsprache dar. Auch heute noch sind die Unterschiede gering, und die Sprecher können sich untereinander problemlos verstehen. Nach dem Zerfall Jugoslawiens wurden sie jedoch zu drei nationalen Standardsprachen erklärt; die Bezeichnung des Bosnischen, Kroatischen und Serbischen als je eigene Sprache ist also politisch begründet.

Es ist davon auszugehen, dass sich diese drei Varietäten in naher Zukunft weiter auseinander entwickeln werden, da es entsprechende Bestrebungen in diese Richtung gibt. Als vierte Sprache wird möglicherweise Montenegrinisch (die montenegrinische Form des Serbischen) den Status einer Standardsprache erreichen. Von 1921 bis circa 1993 wurde hingegen der Begriff "Serbokroatisch" für die Sprache von Serben, Kroaten, Bosniaken und Montenegrinern verwendet.

Durch die gemeinsame Geschichte und Verbindung in der Tschechoslowakei verstehen sich auch Slowaken und Tschechen relativ problemlos. Im Gegensatz zum Bosnischen, Serbischen, Kroatischen und Montenegrinischen, die auf derselben Varietät beruhen, beruhen das Tschechische und das Slowakische jedoch auf zwei verschiedenen dialektalen Basen.

Auch Bulgarisch und Mazedonisch sind gegenseitig verständlich. Mazedonisch wurde 1945, nachdem Mazedonien dem jugoslawischen Staat eingegliedert wurde, per Dekret zu einer eigenständigen Sprache erklärt. Linguistisch gesehen kann man jedoch den bulgarischen Sprachwissenschaftler Recht geben, wenn sie sagen, das Mazedonische sei ein westbulgarischer Dialekt. Diese drei Beispiele zeigen sehr schön, dass neben sprachlichen Faktoren auch politische Aspekte bei der Abgrenzung zwischen Sprache und Dialekt eine wichtige Rolle spielen.

Minderheitensprachen

Neben den großen slawischen Sprachen gibt es auch verschiedene kleine slawische Minderheitensprachen. Eine davon ist Kaschubisch, eine Minderheitensprache in Polen. Sie wird von rund 50.000 Menschen in der Gegend um Danzig gesprochen. Sorbisch ist hingegen eine slawische Minderheitensprache in Deutschland, die von circa 50.000 Menschen in den Bundesländern Brandenburg (Niedersorbisch) und Sachsen (Obersorbisch) gesprochen wird.

Die wichtigste ausgestorbene slawische Sprache ist das Altkirchenslawische, welches die älteste schriftlich überlieferte Form einer slawischen Sprache darstellt. Es ist in etwa 30 Handschriften und einigen Inschriften des 10. und 11. Jahrhunderts bezeugt. Der Name "Altkirchenslawisch" rührt daher, dass diese Sprache in der kirchlichen Liturgie verwendet wurde. Sie ist für den Slawisten/die Slawistin vor allem deshalb so wichtig, weil sie für die Rekonstruktion des Urslawischen eine hervorragende Rolle spielt.

Der Wortschatz des Urslawischen kann teilweise mit Methoden der vergleichenden Sprachwissenschaft rekonstruiert werden. In der verlinkten Tabelle sind einige slawische Wortgleichungen mit den rekonstruierten urslawischen Formen (zweitletzte Spalte) und der entsprechenden indogermanischen Wortwurzel (letzte Spalte) dargestellt.

Diese Tabelle zeigt den relativ engen Verwandtschaftsgrad der slawischen Sprachen untereinander. Denkt man sich das jeweils entsprechende deutsche Wort dazu, so erkennt man teilweise auch die Zugehörigkeit des Slawischen und des Deutschen zur gemeinsamen indogermanischen Ursprache.
Rekonstruierte, nicht belegte Formen werden mit einem vorangestellten Sternchen * markiert. Die in kyrillischer Schrift geschriebenen Sprachen (Russisch, Ukrainisch, Mazedonisch, Altkirchenslawisch) werden transliteriert.

Tabelle der slawischen Sprachen auf Wikipedia

Die slawischen Sprachen sind sich lautlich ziemlich ähnlich; ebenso, was den Grundwortschatz betrifft. Abstrakteres und technisches Vokabular ist sehr diversifiziert und spiegelt häufig die jeweilige nationale Politik im Hinblick auf Lehnwörter wieder. So benutzen etwa Russisch und Polnisch den Internationalismus teatr, während es im Tschechischen divadlo heißt (von der entsprechenden Wurzel für "schauen"). Im Kroatischen wiederum heißt Theater kazalište, von der Wurzel für "sagen".

Slawische Sprachen sind schwierige Sprachen

Die slawischen Sprachen gelten vielfach als schwierige Sprachen. Das liegt zum Teil daran, dass es - außer Bulgarisch und Mazedonisch - stark flektierende Sprachen sind, und zwar in einem höheren Ausmaß als Deutsch. Während etwa das Deutsche über vier Fälle verfügt, haben die slawischen Sprachen bis zu sieben Fälle: neben Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ gibt es noch den Lokativ (für Ortsangaben), den Instrumental (womit macht man etwas) und den Vokativ als Anredeform.

Ungewöhnlich (schwierig) beim Erlernen einer slawischen Sprache ist auch der so genannte Verbalaspekt. Es handelt sich dabei um eine grammatische Kategorie des Verbums. Es gibt zwei Verbalaspekte: den perfektiven und den imperfektiven Verbalaspekt. Die beiden Aspekte unterscheiden sich dadurch, ob eine Handlung in ihrer Dauer (ihrem Verlauf) oder als abgeschlossen dargestellt werden soll. So unterscheiden sich etwa die beiden russischen Sätze Vcera ja cital knjigu und Vcera ja procital knjigu (deutsch: Gestern habe ich das Buch gelesen) dadurch, dass der erste Satz (das Verb steht im imperfektiven Aspekt) ausdrückt, dass ich gestern mit dem Lesen des Buches eine Zeitlang beschäftigt war, während der zweite Satz (perfektiver Aspekt) aussagt, dass ich das Buch zu Ende gelesen habe.

Eine besondere Schwierigkeit des Russischen hingegen ist dessen variabler Akzent. Das heißt, der Akzent kann je nach Wortform seine Stelle verändern; dies kann außerdem eine veränderte Aussprache bedingen. Beispiel: golová [galawá] – der Kopf; gólovy – [gólowy] -die Köpfe; golóv [galów] – der Köpfe.

Lateinische und kyrillische Schrift

Manche der slawischen Sprachen werden in lateinischer Schrift geschrieben, andere in kyrillischer Schrift. Kyrillisch ist nach dem Slawen-Apostel Kyrill von Saloniki benannt, der jedoch eigentlich nicht die kyrillische, sondern die ihr vorausgehende glagolitische Schrift entworfen hat. Da das griechische Alphabet für die slawischen Sprachen nur eingeschränkt geeignet war und Kyrill die kulturelle Eigenständigkeit der Slawen betonen wollte, konzipierte er ein von anderen Schriften formal unabhängiges, neues Alphabet, das Glagolitische.

Das Kyrillische wurde erst später entwickelt und basiert auf der griechischen Großbuchstabenschrift. Nur einzelne, für slawische Laute typische Buchstaben, für die es in der griechischen Schrift keine Entsprechung gab (Zischlaute), wurden aus der glagolitischen Schrift in die kyrillische übernommen.

Heute werden Russisch, Ukrainisch, Weißrussisch, Bulgarisch, Serbisch, Mazedonisch sowie zahlreiche weitere Sprachen in Osteuropa, Sibirien, dem nördlichen Kaukasus und Zentralasien mit kyrillischen Zeichen geschrieben, darunter Turksprachen wie Kasachisch und Kirgisisch, das mit dem Persischen verwandte Tadschikisch, Mongolisch oder auch Dunganisch, ein chinesischer Dialekt.

Seit dem Beitritt Bulgariens ist die kyrillische neben der lateinischen und der griechischen eine der drei offiziell verwendeten Schriften in der Europäischen Union.

Deutsche Wörter mit slawischer Herkunft sind beispielsweise: Grenze - Gurke - Roboter - Vampir - Quark - Kren - Nerz - Peitsche - Pistole - Stieglitz - Zeisig.

Sprachenvergleich
Deutsch Russisch Polnisch Bosnisch/Kroatisch/Serbisch
Hallo! Zdravstvuj Czesc Zdravo
Guten Tag! Dobryj den’ Dzien dobry Dobar dan
Auf Wiedersehen Do svidanija Do widzenia Do videnja
Danke Spasibo Dziekuje Hvala

[1] seit 3. Juni 2006 zwei getrennte Staaten, aus technischen Gründen noch gemeinsame Angabe

[2] Angabe vom 31.12.2006

Marlene Mussner, Helmuth Weinberger


Marlene Mussner: wissenschaftliche Mitarbeiterin in Ausbildung am Institut für Sprachwissenschaften der Uni Innsbruck, Mitarbeiterin der oew-Rundbrief-Redaktion


Helmuth Weinberger: wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Slawistik der Universität Innsbruck


Anmerkung: Die westeuropäische Kodierung unserer Homepage ermöglicht uns keine korrekte Wiedergabe einiger slawischer Zeichen. Für eine ausführliche Beschreibung der Sprache und vollständige Darstellung der Sonderzeichen verweisen wir auf Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Slawische_Sprachen

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