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21/04/2008

Sprachen der Erde: Romani/Romanes

Eine gesamteuropäische Minderheitensprache

Passend zum Monatsschwerpunkt beschäftigen wir uns mit der Sprache der Roma, die gleichzeitig auch Sprache der Sinti ist.

Sprachskizze Romani/Romanes

Genetische Zugehörigkeit:
Indoeuropäische Sprachen
Indoiranische Sprachen
Indoarische Sprachen
Romani/Romanes
Sprecher: circa 6 Millionen weltweit, 4,6 Millionen davon in Europa
Offizieller Status: Romani/Romanes ist nirgends Amtssprache; in der EU ist es als Minderheitensprache anerkannt
Schrift: Schrift der jeweiligen Kontaktsprache
Morphologische Typologie: stark flektierende Sprache
Wortstellung: Subjekt - Verb - Objekt und Verb - Subjekt - Objekt
Anmerkung: Es gibt keinen allgemeingültigen Standard für Romani/Romanes

Romani (in Deutschland auch Romanes genannt) ist die Sprache der Roma einschließlich der Sinti. Sie gehört gemeinsam mit Sprachen wie Urdu und Hindi, die wir letztes Mal besprochen haben, zur indoarischen Sprachfamilie.

Die Bezeichnung „Romani“ ist ein Adjektiv und kommt von romani chib, „Roma-Sprache“. Es ist die international übliche Sprachbezeichnung. In Deutschland gebräuchlich ist daneben die Bezeichnung „Romanes“, die vom Adverb abgeleitet ist (Džanes romanes? - „Sprichst Du Romani?“). Im Deutschen sagt man: „auf Romani“ (oder „auf Romanes“) für „in der Sprache der Roma“.

Romani ist abgeleitet aus der Selbstbezeichnung Rom („Mann“ oder „Ehemann“ für einen Angehörigen der Roma), die indischen Ursprungs ist, entstanden möglicherweise aus Dom (auch Dum oder Domba), dem Namen einer Kaste von Wanderarbeitern, die sich typischerweise als Musiker, Gaukler, Korbmacher, Metallhandwerker oder in ähnlichen, innerhalb des indischen Kastensystems als niedrig eingestuften Gewerbezweigen betätigten.

Weitere Eigenbezeichnungen sind Kalderasch („Kupferschmiede“), Lovara („Pferdezüchter“), Sepetschides (von türkisch sepet = „Korb“). Die Bezeichnungen englisch gipsy, französisch gitane, spanisch gitano kommen hingegen vom Altgriechischen „Ägypter“, während deutsch Zigeuner, italienisch zingaro, ungarisch cigány vielleicht von byzantinisch atsinganos/athinganos (verwendet für religiöse Gruppen, Zauberer, dann auch für Roma und Sinti) stammt.

Romani ist verwandt mit Sanskrit und weist Gemeinsamkeiten sowohl mit zentralindischen wie auch mit nordwestindischen Sprachen auf. Es hat sich jedoch seit mehr als 800 Jahren unabhängig von anderen indischen Sprachen entwickelt, davon seit mindestens 700 Jahren in Europa.

Bedingt durch die soziokulturelle Entwicklung der verschiedenen Sprechergruppen und den Einfluss der jeweiligen Kontaktsprachen haben sich in Europa zahlreiche Dialekte des Romani herausgebildet. Diese werden heute zumeist in vier Hauptgruppen oder Zweige gegliedert:

  1. einen sogenannten nördlichen Zweig von Dialekten, die im nördlichen, westlichen und südlichen Europa, im größeren Teil Polens, in Russland und in den baltischen Ländern gesprochen werden; dazu gehört unter anderem Sinte Romani (Sintitikes), die besonders durch Sprachkontakt mit dem Deutschen geprägte Sprache der Sinti-Manouches in den deutschsprachigen Ländern, in Holland, Belgien, Frankreich und Italien;
  2. eine sogenannte zentrale Gruppe im Gebiet vom südlichen Polen bis Ungarn und vom östlichen Österreich bis zur Ukraine, zum Beispiel Burgenland-Romani im österreichischen Burgenland;
  3. die sogenannten Balkan-Dialekte;
  4. die sogenannten Vlach-Dialekte, zum Beispiel Kalderash-Romani aus Rumänien.

Hinzu kommt das isolierte Dolenjski-Romani, das durch Kontakt mit dem Kroatischen geprägt ist und in Istrien, Italien und Slowenien vorkommt.

Von Romani zu unterscheiden sind die sogenannten Para-Romani-Sprachen, wie das englische Angloromani, das skandinavische Romani rakripa, das spanische Caló oder das baskische Errumantxela, bei denen außer dem Wortschatz auch die Syntax und Morphologie bereits von einer der Kontaktsprachen dominiert sind und die darum als Variante dieser Kontaktsprachen (also Englisch, Spanisch, Baskisch, usw.) einzustufen sind.

Der Wortschatz des Romani ist von der Migration seiner Sprecher geprägt. Es haben sich nur noch rund 700 Wörter indischen Ursprungs erhalten, ferner aus der Anfangszeit der Migration rund 70 aus dem Persischen, 40 aus dem Armenischen und 230 aus dem Mittelgriechischen. Der Einfluss der europäischen Kontaktsprachen übersteigt in allen Romani-Dialekten jeweils den Anteil des ursprünglich indischen Wortgutes.

Dieser Einfluss betrifft auch den Kernbestand des Wortschatzes, so unter anderem die Zahlwörter. Der Zahlwortschatz umfasst einerseits indische Erbwörter (jek = 1, dui = 2, trin = 3, schtar = 4, pansch = 5, schob = 6, desch = 10, deschujek = 10+1, deschudui = 10+2, bisch = 20, schel = 100), andererseits Entlehnungen aus dem Griechischen (efta = 7, ochto = 8, enja = 9, trianda = 30, saranda = 40, penda = 50), Türkischen und Ungarischen. Hinzu kommen aber bei einigen Zahlwörtern alternative Entlehnungen aus anderen Sprachen, so aus dem Schwedischen, Lettischen, Estnischen, Rumänischen, Tschechischen oder Deutschen (tausento = 1000).

Romani hat seinerseits auch seine Kontaktsprachen beeinflusst, so in Deutschland besonders den Wortschatz des Rotwelschen und einige regionale Soziolekte. Es gibt einige wenige Worte, die ins Umgangsdeutsche übergegangen sind:

  • Bock im Sinne von "Lust, etwas zu tun" von bokh (= Hunger),
  • Zaster im Sinne von "Geld" von saster (= Eisen, Metall),
  • Kaschemme im Sinne von "heruntergekommene oder übel beleumundete Gastwirtschaft" von kacima (wertfrei) (= Gastwirtschaft),
  • Schund im Sinne von "wertloses, verachtenswertes Zeug" von skånt oder skunt (= Kot, Dreck, Schmutz) sowie - was in der Etymologie allerdings umstritten ist –
  • Kaff von gav (= Dorf).

Marlene Mussner


Marlene Mussner: wissenschaftliche Mitarbeiterin in Ausbildung am Institut für Sprachwissenschaften der Uni Innsbruck, Mitarbeiterin der oew-Rundbrief-Redaktion.



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